Historische Zäsur im Iran: Nach Chameneis Tod formiert sich Übergangsregierung
Mit der Tötung von Ajatollah Ali Chamenei ist im Iran eine Ära zu Ende gegangen. Der mächtigste Mann der Islamischen Republik, der das Land fast vier Jahrzehnte mit harter Hand geführt hatte, ist tot. Doch die Angriffe von außen halten an: Sowohl die USA als auch Israel bombardieren weiterhin Ziele im Iran, um einen nachhaltigen Machtwechsel zu erzwingen. Der Nahe Osten steht möglicherweise vor einem großen Umbruch, dessen Ausmaß noch nicht absehbar ist.
Chameneis Vermächtnis und die aktuelle Lage
Chamenei prägte den modernen Iran wie niemand sonst seit 1989. Als oberster Führer hatte er in allen wichtigen Fragen das letzte Wort, Regierung und Präsident waren ihm untergeordnet. Unter seiner Führung entwickelten sich die Revolutionsgarden zur führenden Streitmacht des Landes, baute Teheran seine sogenannte „Widerstandsachse“ mit verbündeten Milizen in der Region aus und trieb das umstrittene Atomprogramm sowie die Produktion ballistischer Raketen voran.
Sein Tod markiert eine epochale Veränderung für den Iran. Die Situation ist im Fluss, nicht zuletzt wegen der anhaltenden amerikanischen und israelischen Angriffe. Das Herrschaftssystem der Islamischen Republik ist erschüttert, doch ob es wankt oder gar zusammenbricht, bleibt ungewiss. Experten wie Thomas Juneau von der Universität Ottawa betonen, dass das System in den fast 50 Jahren seit der Revolution massiv gefestigt wurde und den Verlust mehrerer Schlüsselfiguren verkraften könne.
Übergangsregierung und mögliche Nachfolger
Staatlichen Medien zufolge soll vorübergehend ein Dreier-Gremium die Führung des Landes übernehmen: Präsident Massud Peseschkian, Justizchef Gholam-Hussein Mohseni-Edschehi und ein Jurist des sogenannten Wächterrats. Wer später zum Nachfolger Chameneis ernannt wird, bleibt offen. Spekulationen gab es in der Vergangenheit über Chameneis Sohn Modschtaba, der jedoch wenig öffentlich in Erscheinung trat.
Unumstritten ist unter Experten, dass ein neuer Religionsführer zunächst kaum die gleiche Autorität genießen wird wie Chamenei, der das System jahrzehntelang aufbaute und leitete. Die Revolutionsgarden geloben unterdessen Vergeltung für die Angriffe.
Verschiedene Szenarien für die Zukunft
Die weitere Entwicklung des Iran ist schwer vorhersehbar, doch Experten diskutieren mehrere mögliche Szenarien:
- Kontinuität: Das Herrschaftssystem stellt sich neu auf, Sicherheitskräfte unterdrücken Proteste, und Teheran verkraftet die Luftschläge, während es mit Gegenschlägen die Kosten für die Angreifer erhöht.
- Massenproteste: Bereits nach Chameneis Tod gab es Berichte über Freudenfeiern im Iran. Massenproteste parallel zu den ausländischen Angriffen könnten die neue Führung zusätzlich unter Druck setzen, doch die Opposition ist zersplittert.
- Palastrevolte: Theoretisch könnte im komplexen Herrschaftssystem ein Flügel aufbegehren und die Macht an sich reißen, etwa seitens des Militärs oder der Revolutionsgarden.
- Neuer Kurs: Es wäre denkbar, dass USA und Israel ihre Angriffe fortsetzen, bis eine gemäßigtere Person die Führung übernimmt und sich auf Dialog einlässt, insbesondere bezüglich des Atomprogramms.
- Regionaler Krieg: Iran-Experte Ali Vaez warnt, dass Vergeltungsmaßnahmen asymmetrisch erfolgen und mehrere Fronten gleichzeitig entfachen könnten, was zu einem regionalen Krieg führen würde.
Aktuelle Lage und Kommunikationssperre
Die aktuelle Situation im Iran ist schwer einzuschätzen. Die Behörden verhängten eine Internetsperre, die Organisation Netblocks berichtet von einem „fast vollständigen Internetausfall“. Augenzeugen berichteten von langen Schlangen an Tankstellen in Teheran, viele Menschen versuchten, die Hauptstadt zu verlassen, und zahlreiche Geschäfte waren geschlossen.
Es gibt sowohl Berichte über Trauer als auch über ausgelassenes Feiern nach Chameneis Tod. Ein genaues Bild der Lage ist angesichts der anhaltenden Angriffe und der Kommunikationsbeschränkungen jedoch schwer zu gewinnen.
Ziele der Angreifer
Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu begründet die Angriffe mit dem Schutz vor einer existenziellen Bedrohung durch Teherans Atom- und Raketenprogramm. US-Präsident Donald Trump will nach eigenen Angaben Amerikaner verteidigen und zielt ebenfalls auf das iranische Atomprogramm ab. In einer Videobotschaft ermutigte er die Iraner zu einem Machtwechsel und forderte Sicherheitskräfte auf, ihre Waffen niederzulegen.
Die Entscheidung für die Angriffe fiel, nachdem Verhandlungen über das iranische Atomprogramm in Genf keinen Durchbruch brachten und die USA massiv Marine- und Luftstreitkräfte im Persischen Golf zusammenzogen. Trump hatte Teheran ein Ultimatum bis Anfang März gestellt.
Die kommenden Tage und Wochen werden zeigen, welches der diskutierten Szenarien sich bewahrheiten wird und wie sich die Region nach dieser historischen Zäsur neu ordnet.



