Warum Irans Machtapparat trotz Krieg und Verlusten erstaunlich stabil bleibt
Der Krieg sollte Irans Führung schwächen und das System ins Wanken bringen. Doch mehr als einen Monat nach Beginn der Angriffe durch Israel und die USA wirkt die Macht in Teheran erstaunlich stabil und handlungsfähig. Trotz schwerer Luftangriffe, der Tötung hochrangiger Generäle und Politiker sowie der Zerstörung von Infrastruktur setzt der iranische Machtapparat die Vergeltungsschläge fort und agiert dabei mit neuer Radikalität.
Die Mosaik-Verteidigung als strategischer Vorteil
Einen entscheidenden Hinweis auf die Widerstandsfähigkeit des Systems lieferte Außenminister Abbas Araghtschi bereits einen Tag nach Kriegsbeginn: „Bombardierungen in unserer Hauptstadt haben keinerlei Auswirkungen auf unsere Fähigkeit, Krieg zu führen“, schrieb er auf X. „Die dezentrale Mosaik-Verteidigung ermöglicht es uns, zu entscheiden, wann – und wie – der Krieg enden wird.“
Hinter diesem Konzept steht eine über Jahrzehnte entwickelte Strategie, deren Ursprünge im Iran-Irak-Krieg (1980–1988) liegen. Die traumatische Erfahrung der Raketenangriffe auf iranische Städte gehört bis heute zum Gründungsmythos der Islamischen Republik und wird von Systemanhängern als „Heilige Verteidigung“ bezeichnet. Im Jahr 2005 verkündeten die Revolutionsgarden offiziell das Konzept der Mosaik-Verteidigung, das darauf abzielt, die Kampffähigkeit auch dann aufrechtzuerhalten, wenn zentrale Kommandeure getötet und Hauptquartiere zerstört werden.
Für diese dezentrale Struktur wurden 31 separate Kommandoeinheiten in den Provinzen geschaffen, die unabhängig Entscheidungen treffen können. In der Praxis bedeutet dies, dass regionale Einheiten monatelang eigenständig weiterkämpfen können, selbst wenn die Führung in Teheran ausgefallen wäre.
Machtverschiebungen innerhalb des Systems
Israel hat bei seinen Angriffen auch pragmatische Stimmen im iranischen Machtgefüge getötet, darunter Ali Laridschani, den Generalsekretär des Nationalen Sicherheitsrats. Als eine Woche nach seinem Tod ein Nachfolger benannt wurde, überraschte die Wahl viele Beobachter: Statt eines konservativen Politikers rückte ein weitgehend unbekannter, pensionierter General der Revolutionsgarden auf den mächtigen Posten.
Der Politikwissenschaftler Tareq Sydiq von der Universität Marburg erklärt diese Entwicklung: „Der Krieg verschiebt die Machtbalance zugunsten der Revolutionsgarden. Das ist keine neue Dynamik. Man konnte sie bereits in den vergangenen 15 Jahren beobachten, auch als Strategie unter Chamenei.“ Diese Verschiebung erklärt, warum zivile Funktionsträger zunehmend durch militärische Führer ersetzt werden.
Auch die Fundamentalisten, oft als Hardliner bezeichnet, profitieren von dieser Entwicklung. „Mit ihren Warnungen vor den USA und Israel, indem sie immer gesagt haben, ein direkter Angriff droht, haben sie aus ihrer Sicht Recht behalten und können sich damit auch einfacher durchsetzen“, sagt Sydiq. Gestärkt werden sie zusätzlich dadurch, dass Politiker ausgeschaltet werden, die diese Fraktionen bisher in Schach gehalten haben.
Hoffnungen und Desillusionierung in der Bevölkerung
Israel und die USA hatten schon vor dem Krieg als Ziel formuliert, einen Machtwechsel herbeiführen zu wollen. Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu sagte gut zehn Tage nach Beginn der Angriffe: „Dies ist eine einmalige Gelegenheit für euch, das Regime der Ajatollahs zu stürzen und eure Freiheit zu erlangen.“ Doch Netanjahu stößt bei vielen Iranern auf tiefes Misstrauen.
In der Protestbewegung nährte der Krieg zunächst Hoffnungen auf einen Umbruch. Nach der brutalen Niederschlagung der Proteste Anfang Januar, bei der Sicherheitskräfte Tausende Menschen innerhalb von zwei Nächten töteten, hatten viele auf einen Sturz der autoritären Führung gesetzt. Unter Millionen Iranern im In- und Ausland entbrannte eine intensive Debatte darüber, ob die Angriffe von außen das System zu Fall bringen könnten.
Doch heute überwiegen in der Bevölkerung Desillusionierung und Zweifel. Mehran (34), der anfangs an einen schnellen Machtwechsel geglaubt hatte, sagt: „Die meisten aus meinem Umfeld haben keine Hoffnung mehr. In diesen Tagen sieht man überall Bilder von zerstörten Wohnhäusern. Für die Tötung einer einzelnen Person wird ein Wohngebiet zerstört. Bei all den vielen Opfern kann doch niemand mehr den Krieg unterstützen.“
Experten sehen strategische Fehlkalkulation
Der Iran-Experte Sydiq sieht widersprüchliche Signale in den von Israel und den USA formulierten Kriegszielen. „Das allein spricht für eine Fehlkalkulation, weil Kriege in der Regel eine Strategie benötigen, um militärische Erfolge auch in politische Siege zu verwandeln“, analysiert er. „Das sei bislang nicht erkennbar, auch nicht nach einem Monat der Angriffe.“
Zugleich verschärfe sich die innenpolitische Lage im Iran dramatisch. „Im Kriegszustand ist viel weniger Raum, auch für zivilgesellschaftliche Kräfte“, betont Sydiq. Die Sicherheitskräfte haben ihre Präsenz seit Kriegsbeginn deutlich verstärkt, und der Raum für oppositionelle Aktivitäten schwindet zusehends. Von einer Militärdiktatur will der Experte dennoch nicht sprechen: „Da muss man abwarten, wie die Kräfteverhältnisse sind, wenn der Krieg vorbei ist.“
Chameneis Nachfolger, sein Sohn Modschtaba, wird den autoritären Kurs Beobachtern zufolge fortsetzen. Was wie ein möglicher Wendepunkt aussah, hat das System nicht ins Wanken gebracht, sondern scheint es vorläufig sogar zu festigen.



