Münchner Sicherheitskonferenz: Merz und Macron beschwören Europas neue Stärke
Die Münchner Sicherheitskonferenz hat mit einer historischen Debatte über die Zukunft Europas begonnen. Mehr als 60 Staats- und Regierungschefs kamen in der bayerischen Landeshauptstadt zusammen, um über die drängenden sicherheitspolitischen Herausforderungen unserer Zeit zu diskutieren. Im Mittelpunkt stand die Forderung nach einer radikalen Stärkung der europäischen Handlungsfähigkeit.
Merz warnt vor tiefem Graben zwischen Europa und den USA
Bundeskanzler Friedrich Merz (70, CDU) betrat gegen 14 Uhr die große Bühne und hielt eine mit Spannung erwartete Rede unter dem Titel „Ein Programm der Freiheit“. In seiner historischen Ansprache forderte der Kanzler nicht weniger als ein neues Europa. Er machte deutlich, dass zwischen Europa und den Vereinigten Staaten ein „tiefer Graben“ klaffe. Washington ziehe radikale Konsequenzen aus Chinas wachsender Macht und beschleunige damit den neuen Wettstreit der Großmächte.
In dieser „Ära der Großmächte“ sei Europas Freiheit nicht länger selbstverständlich, sondern bedroht. Merz warnte eindringlich vor Zerwürfnissen innerhalb der Gemeinschaft: „Zerreißt Europa, zerreißt Deutschland.“ Seine zentrale Forderung: Das transatlantische Vertrauen müsse repariert werden. Die Nato dürfe Europa nicht abschreiben – aber Europa müsse endlich selbst stärker werden. Dabei übte Merz klare Selbstkritik: Die Abhängigkeit von den USA sei „selbst verschuldet“ gewesen.
Macron fordert grundlegende Neuausrichtung der Sicherheitspolitik
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (48) unterstützte diese Forderung nach einer grundlegenden Neuausrichtung. Europa müsse lernen, eine geopolitische Macht zu werden und in der Lage sein, „tiefe Militärschläge“ zu führen. Der französische Präsident schlug sogar vor, die französische nukleare Abschreckung stärker in eine europäische Sicherheitsarchitektur einzubinden.
„Wir müssen unsere Sicherheitsarchitektur in Europa neu mischen und neu organisieren“, sagte Macron. Die bisherige Architektur sei im Kalten Krieg entworfen worden und nicht mehr zeitgemäß. „Dies ist die richtige Zeit für ein starkes Europa“, betonte der französische Präsident nachdrücklich.
Internationale Stimmen zur europäischen Verteidigung
Der finnische Präsident Alexander Stubb (57), der als einer der Europäer mit besonders gutem Draht zu US-Präsident Donald Trump gilt, mahnte zur Besonnenheit. Er rief die USA angesichts der Spannungen der vergangenen Monate mit Europa auf, „das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten“. Trotz Differenzen – etwa beim Klimaschutz oder bei der Rolle der EU – gebe es weiter große Schnittmengen. In der Nato, bei Technologie und bei strategischen Rohstoffen könnten Europa und die USA eng zusammenarbeiten.
Nato-Generalsekretär Mark Rutte (58) sagte am Rande der Konferenz, Europa übernehme Schritt für Schritt mehr Verantwortung im Bündnis. Der Kontinent sei auf dem Weg zu einer „größeren Führungsrolle innerhalb der Nato“ und kümmere sich stärker um die eigene Verteidigung. Seine Botschaft war eindeutig: „Ein starkes Europa in einer starken Nato bedeutet, dass die transatlantischen Beziehungen stärker denn je sein werden.“
Selenskyj fordert eigenständige europäische Verteidigung
Kurz vor Beginn der Konferenz hatte auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj eine eigenständige europäische Verteidigung gefordert. „Partnerschaften“ mit den USA solle es geben – „aber das ist unser Kontinent“, sagte Selenskyj. Angesichts des größten Landkriegs seit 80 Jahren müsse Europa unabhängiger werden, betonte der ukrainische Präsident.
Die Münchner Sicherheitskonferenz hat damit eine klare Richtung vorgegeben: Europa steht an einem historischen Wendepunkt und muss seine sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit radikal stärken. Die Forderungen von Merz und Macron markieren den Beginn einer neuen Ära europäischer Sicherheitspolitik.



