Ukrainischer Präsident sieht Risiken durch Waffenverlagerung in den Nahen Osten
Vor dem Hintergrund der militärischen Auseinandersetzungen zwischen den Vereinigten Staaten, Israel und Iran hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj ernste Bedenken hinsichtlich der Verteidigungsfähigkeit seines Landes geäußert. In einem ausführlichen Interview mit dem Podcast-Format der britischen Zeitung The Independent warnte Selenskyj vor einer möglichen Verknappung von Flugabwehrraketen für die Ukraine.
Flugabwehrsysteme könnten knapp werden
Die meisten hochmodernen Flugabwehrsysteme werden in den USA produziert, betonte Selenskyj in seinen Ausführungen. Da sich amerikanische Verbündete nun verstärkt gegen iranische Angriffe schützen müssten, sei zu erwarten, dass die Lieferungen an die Ukraine zurückgingen. "Unsere Erwartung ist natürlich, dass die Luftverteidigung für die Ukraine abnehmen könnte", so der ukrainische Staatschef wörtlich.
Selenskyj zeigte zwar Verständnis für die Priorisierung der Nahost-Verteidigung, machte jedoch deutlich, dass sein Land mit Partnern außerhalb der USA Kontakt aufgenommen habe, um das bevorstehende Defizit zu beheben. Bislang habe man jedoch noch keine konkreten Zusagen erhalten.
Ukrainische Expertise für den Nahen Osten
Trotz der eigenen Herausforderungen bietet die Ukraine laut Selenskyj ihre Unterstützung bei der Drohnenabwehr an. Mehrere vom Iran-Konflikt betroffene Länder hätten bereits um Hilfe gebeten, darunter die Vereinigten Staaten selbst. In den vergangenen Tagen habe Selenskyj mit den Staatschefs der Vereinigten Arabischen Emirate, Katars, Bahrains, Jordaniens und Kuwaits über mögliche Kooperationen gesprochen.
Die Ukraine verfügt über umfangreiche Erfahrungen im Umgang mit iranischen Shahed-Drohnen, die Russland seit der vollständigen Invasion vor über vier Jahren in zehntausenden Exemplaren gegen ukrainische Ziele eingesetzt hat. Auf einer Pressekonferenz präzisierte Selenskyj, sein Land sei bereit, sein Fachwissen zum Schutz der Ölinfrastruktur im Nahen Osten zur Verfügung zu stellen.
Schärfer Ton gegenüber Ungarn
In derselben Pressekonferenz nahm Selenskyj auch zum anhaltenden Konflikt mit Ungarn Stellung. Das Land blockiert derzeit EU-Hilfen für die Ukraine in Höhe von bis zu 90 Milliarden Euro. Mit deutlichen Worten wandte sich der Präsident an den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán: "Wir hoffen, dass eine bestimmte Person in der EU die 90 Milliarden nicht länger blockiert".
Selenskyj fügte sarkastisch hinzu: "Andernfalls werden wir die Adresse dieser Person unseren Streitkräften, unseren Leuten, weitergeben. Sollen sie ihn anrufen und mit ihm in ihrer eigenen Sprache sprechen."
Pipeline-Reparaturen im Zeitplan
Zum Thema der beschädigten Druschba-Ölpipeline gab Selenskyj Entwarnung. Die nach ukrainischen Angaben durch einen russischen Angriff im Januar beschädigte Leitung, die Lieferungen nach Ungarn und in die Slowakei transportiert, könnte innerhalb von anderthalb Monaten technisch betriebsbereit sein. Die Ukraine weist Vorwürfe beider Länder zurück, die Reparaturen absichtlich zu verzögern.
Die Situation verdeutlicht die komplexen geopolitischen Verflechtungen, in denen sich die Ukraine bewegt: Während sie einerseits um militärische Unterstützung für den eigenen Verteidigungskampf wirbt, positioniert sie sich gleichzeitig als kompetenter Partner in internationalen Sicherheitsfragen.



