35 Jahre nach der DDR: Leser berichten von Übernahme ohne Mitsprache
35 Jahre nach der DDR: Übernahme ohne Mitsprache

35 Jahre nach der DDR: Zwischen Anerkennung und Enttäuschung

Der Beitrag „Nicht alles war schlecht: Ein Wessi widerspricht den gängigen DDR-Klischees“ hat in der Leserschaft des Nordkurier für erhebliche Diskussionen gesorgt. Die wertschätzenden Aussagen von Georg Schramm über den Osten blieben nicht unwidersprochen. In den letzten Tagen trafen zahlreiche Leserbriefe ein, die ein differenziertes Bild der Erfahrungen mit der DDR, der Wende und den Jahren danach zeichnen.

Die Last der Vorurteile

Christa Tresper, 77 Jahre alt und ehemalige Bewohnerin von Leipzig, Neubrandenburg und Neustrelitz, lebt heute aus familiären Gründen in Kiel. Sie berichtet: „Die Aussage von Georg Schramm hat mich stark beeindruckt. Es ist tatsächlich so, dass abstruse Gedanken in den Köpfen der ‚Wessis‘ existieren und sie das auch aussprechen.“ Auch in ihrer neuen Heimat werde sie hin und wieder mit Vorurteilen konfrontiert. „Ich habe dann immer das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen, das legt man wohl nie ganz ab.“ Sie begrüßt ausdrücklich, dass solche Meinungen in der Presse abgebildet werden, und betont: „So stelle ich mir seriösen Journalismus vor.“

Soziale Sicherheit versus politische Unfreiheit

Frank Stromberg, Teil eines festen Freundeskreises seit über 30 Jahren, reflektiert über seine Kindheit in der DDR: „Auch bei uns hatte man Angst vor dem Klassenfeind – was wohl das Verdienst der DDR-Führung war. Die Kindheit hier zu erleben, war trotzdem das Schönste, was man sich vorstellen kann.“ Er hebt die soziale Sicherheit hervor: „Existenzängste existierten nicht bei den Erwachsenen. Und es gab auch viel Gutes in diesem Staat.“ Als Beispiele nennt er Planungssicherheit fürs eigene Leben und den einfachen Zugang zu Arztterminen.

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Gleichzeitig macht er deutlich: „Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich will die DDR nicht schönreden.“ Er erwähnt die fehlenden freien Wahlen, die Staatssicherheit und die eingeschränkte Reise- und Pressefreiheit. Zur Wende sagt er: „Auch uns ging das alles zu schnell und ja, es stimmt, wir wurden nur übernommen, niemand hat gefragt, alles wurde schnell abgewickelt. Besser wäre es dann wohl gewesen, den DDR-Bürger mal zu fragen, was ihm wirklich wichtig war.“

Die „Heilsbringer“ und ihre Folgen

Christian Fobo, 70 Jahre alt und heute in Görlitz lebend, hat jeweils 35 Jahre in der DDR und der Bundesrepublik verbracht. Er kritisiert scharf: „Die Überheblichkeit der ‚ÜBERSTÜLPER‘ von 1990 wurde leider durch die Euphorie der D-Mark von unseren Bewohnern forciert.“ Die anfängliche Begeisterung wich schnell der Ernüchterung, als die Wirtschaft „ohne Not plattgemacht“ wurde. „Wir waren unerwünschte Konkurrenz geworden, die man günstig einkaufte, um sie dann für immer dichtzumachen.“

Fobo beklagt, dass Ostdeutsche im offiziellen Sprachgebrauch noch immer als faul, arbeitsunwillig und undankbar gelten – vor allem von Politikern, Medien und Menschen, die nie im Osten waren. Er sieht darin eine Strategie, um von anderen Problemen abzulenken. Interessanterweise beobachtet er bei der jüngeren Generation einen Wandel: „Unsere Kinder, welche aus Gründen der Arbeitssuche in den Westen gegangen sind, haben auch einen anderen Sprachgebrauch als wir Alten. Da gibt es keine Ossis und Wessis mehr.“ Sie meinen, dass erst die ältere Generation aussterben müsse, um eine echte Einheit zu erreichen.

Ein weiterer Kritikpunkt: „Der größte Fehler, und das nach 35 Jahren, in allen Medien ist, dass immer noch von den neuen Bundesländern gesprochen und geschrieben wird.“ Er fragt sich, warum es DDR-Museen gibt, aber keine BRD-Museen, und betont abschließend: „Deutschland ist ein schönes und lebenswertes Land. Man muss es halt nur wollen.“

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Westkontakte und unterschiedliche Wahrnehmungen

Andreas Lorenz, fast 68 Jahre alt und mit 31 Jahren DDR-Erfahrung, hatte stets Westkontakte durch Verwandtschaft in Rheinland-Pfalz. Bei einem Besuch in Datteln vor drei Jahren war er entsetzt über das anhaltende Negativbild der DDR: „Die Mangelwirtschaft des Ostens wurde so dargestellt, dass wir Hunger leiden mussten. Dazu kann ich nur widersprechen.“ Er erinnert sich, dass bei Besuchen der Westverwandtschaft sogar mehr auf den Tisch kam als umgekehrt.

Lorenz resümiert: „Es hätte gut gehen können mit uns zwei Deutschlands, aber es war nicht so gewollt.“ Sein Wunsch für die Zukunft ist bescheiden: „Ich wünsche mir nur für mich und alle, weiter in Demokratie leben zu können.“

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