Flucht aus der DDR für 15.000 D-Mark – Klaus Kieselmanns Rückkehr an die Müritz
DDR-Flucht für 15.000 D-Mark: Klaus Kieselmanns Rückkehr

Flucht aus der DDR für 15.000 D-Mark – Klaus Kieselmanns Rückkehr an die Müritz

Klaus Kieselmann genießt den Blick aus dem Fenster auf die vereiste Müritz und die vielen Vögel in seinem Garten, die sich am Körnerfutter laben. Mit 81 Jahren blickt er auf ein bewegtes Leben zurück, das von einer mutigen Flucht aus der DDR geprägt ist. 1973 wagte er mit seiner Partnerin Rita den Schritt über Ungarn in den Westen – ein Unterfangen, das 15.000 D-Mark kostete und sein Leben für immer veränderte.

Ein Tischlermeister mit großen Plänen

Klaus Kieselmann war Tischlermeister in Waren an der Müritz. Sein Meisterstück, eine Haustür in der Mozartstraße, zeugte von seinem handwerklichen Können. Doch trotz beruflichem Erfolg spürte er die Enge des DDR-Systems. „Ich wusste immer, wenn sich eine Lücke ergibt, dann nutze ich sie und gehe weg“, erinnert er sich. Der Wunsch nach einem Leben ohne die Zermürbung durch das Regime trieb ihn an. 1969 zog er nach Leipzig, arbeitete im Volkseigenen Betrieb Innenprojekt, doch sein Entschluss stand fest: Bis 1975 wollte er die DDR verlassen.

Nicht die Sehnsucht nach materiellen Gütern bewegte ihn, sondern die Ablehnung des Systems. „Es ging mir gar nicht um die viel zitierte Freiheit, um dicke Autos und Geld. Ich hatte einfach verstanden, was das System den Menschen zumutet“, erklärt Kieselmann. Damit war er nicht allein – ein Kollege verschwand plötzlich, blieben aber Kontakte, die ihm schließlich den Weg ebneten.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Die riskante Flucht über Ungarn

Die Vorbereitungen waren nervenaufreibend. Kieselmann reiste mehrfach nach Rumänien, um unbelauschte Telefonate führen zu können. „Was man für Energie und Gedanken entwickelt, um das zu schaffen, das ist unfassbar“, sagt er. In Budapest traf er sich heimlich mit Schleusern in der Fischerbastei. Ein orangefarbener Käfer mit Münchner Kennzeichen rollte heran – die Reisenden sollten einen Brief mit wichtigen Informationen nach Jugoslawien bringen. Misstrauen war an der Tagesordnung, doch Kieselmann hatte keine Wahl.

Am 31. Mai 1973, Himmelfahrtstag, war es soweit. Kurzfristig erwarb er Flugtickets nach Budapest. „Das alles so vorzubereiten, dass es plausibel war, man keinen Verdacht weckte, das war beinahe das Schwerste“, erzählt er. Mit wenig Gepäck stiegen er und Rita in einen Lkw, der sie und andere Flüchtlinge über die Grenze brachte. 15.000 D-Mark Schleusergeld waren der Preis für die Freiheit. Als sie österreichischen Boden betraten, war die Erleichterung groß – sie hatten es geschafft.

Neuanfang in München und Rückkehr an die Müritz

In München bauten Klaus und Rita Kieselmann ein neues Leben auf. Sie fanden Arbeit, heirateten, reisten und feierten. Doch mit der Wende 1989 kehrte die Vertrautheit der alten Heimat zurück. Die Frage nach einer Rückkehr an die Müritz stellte sich. „Sollten wir noch einmal aufbrechen? Von Süd nach Nord, aus einer Metropole nahezu aufs Land?“, überlegten sie. Die Antwort fiel positiv aus – heute leben sie wieder in Röbel.

Klaus Kieselmann engagiert sich bei Ornithologen, obwohl er selbst keiner ist, und füttert bis zu 60 Kilo Sonnenblumenkerne pro Jahr an seine gefiederten Freunde. Der Blick auf die Vögel im Garten symbolisiert für ihn die Freiheit, die er sich erkämpft hat. Würde er die Flucht wieder wagen? „Ja!“, antwortet er ohne Zögern. Seine Geschichte ist ein Zeugnis von Mut und der Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Leben.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration