Flucht aus der DDR für 15.000 D-Mark: Klaus Kieselmanns Rückkehr an die Müritz nach Jahrzehnten
DDR-Flucht für 15.000 D-Mark: Rückkehr an die Müritz

Flucht aus der DDR für 15.000 D-Mark: Klaus Kieselmanns Rückkehr an die Müritz nach Jahrzehnten

Klaus Kieselmann genießt den Blick aus dem Fenster auf die vereiste Müritz und vor allem auf die vielen gefiederten Gäste in seinem Garten, die sich an dem reichlich bereitgestellten Körnerfutter laben. Mit 81 Jahren blickt er auf ein bewegtes Leben zurück, das ihn von der DDR in den Westen und schließlich wieder an seinen Heimatsee führte.

Die riskante Flucht über Ungarn im Jahr 1973

1973 wagte Klaus Kieselmann mit seiner Partnerin Rita die riskante Flucht über Ungarn. Als Tischlermeister aus Waren an der Müritz hatte er große Pläne, die in der DDR nicht realisierbar schienen. „Ich wusste immer, wenn sich eine Lücke ergibt, dann nutze ich sie und gehe weg“, erinnert er sich. Doch der Weg in die Freiheit war beschwerlich und gefährlich.

Über Kontakte zu einem ehemaligen Kollegen, der bereits verschwunden war, erhielt Kieselmann die Chance zur Flucht. In Budapest traf er sich heimlich mit Schleusern in der Fischerbastei. 15.000 D-Mark musste er für sich und seine Gefährtin aufbringen – ein Vermögen zu dieser Zeit. Die Vorbereitungen waren nervenaufreibend: „Was man für Energie und Gedanken entwickelt, um das zu schaffen, das ist unfassbar“, sagt Kieselmann.

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Der schwierige Weg in die Freiheit

Am Himmelfahrtstag, dem 31. Mai 1973, war es endlich so weit. Früh am Morgen bestiegen Klaus und Rita einen Lkw, der sie und andere Flüchtlinge in den Westen bringen sollte. Die Angst, entdeckt zu werden, begleitete sie auf der gesamten Reise. „Ich wurde immer misstrauischer. Ich sah inzwischen hinter jedem Baum einen Russen!“, beschreibt Kieselmann die angespannte Situation.

Doch das Unterfangen glückte: Stunden später betraten sie österreichischen Boden, ungläubig über ihren Erfolg. In München fanden sie eine neue Heimat mit Job und Wohnung, heirateten und lebten ihr Leben in Freiheit – bis die Wende alles veränderte.

Die Rückkehr an die Müritz nach der Wiedervereinigung

Nach dem Fall der Mauer kehrte die Vertrautheit der alten Heimat zurück. Die Frage stellte sich: Sollten sie noch einmal aufbrechen, diesmal von Süd nach Nord, aus der Metropole München zurück aufs Land an die Müritz? Für Klaus und Rita Kieselmann war die Antwort klar.

Heute lebt das Ehepaar in Röbel und engagiert sich in der Region. Klaus Kieselmann verbringt viel Zeit damit, Vögel zu füttern und zu beobachten – bis zu 60 Kilogramm Sonnenblumenkerne verfüttert er übers Jahr an seine gefiederten Freunde. „Obwohl ich kein Ornithologe bin“, wie er betont, hat er doch eine tiefe Verbindung zur Natur seiner Heimat gefunden.

Ein Leben ohne Reue

Würde er die Flucht mit allem Wissen von heute noch einmal wagen? Für Klaus Kieselmann braucht es keine lange Überlegung: „Ja!“ Seine Blicke schweifen dabei zu den Meisen, Kleibern und Amseln in seinem Garten, die sein neues Leben an der Müritz bereichern.

Die Geschichte von Klaus Kieselmann steht exemplarisch für viele DDR-Bürger, die ihr Glück im Westen suchten und nach der Wiedervereinigung den Weg zurück in ihre Heimat fanden. Seine Erinnerungen an Flucht und Heimkehr sind ein bewegendes Zeugnis deutsch-deutscher Geschichte.

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