DDR-Stammtisch in Waren: Ein Abend zwischen Erinnerung und Kontroverse
Im Warener Bürgersaal versammelten sich kürzlich vier prominente Persönlichkeiten aus DDR-Zeiten zu einem sogenannten DDR-Stammtisch. Mit insgesamt 341 Lebensjahren brachten Frank Schöbel, Waldemar Cierpinski, Täve Schur und Egon Krenz ihre Geschichten und Ansichten mit. Die Veranstaltung lockte nicht nur lokale Besucher an, sondern auch Gäste aus weiter Ferne, die sich in historischer Selbstvergewisserung übten.
Besucher aus dem Westen suchten Verständnis
Thomas Brochhagen reiste eigens aus Nordrhein-Westfalen an, um mehr über die Menschen in Ostdeutschland zu erfahren. Der Familienvater nutzte eine zweitägige Auszeit an der Müritz, um den DDR-Stammtisch zu besuchen. Bereits vor Beginn der Veranstaltung sicherte er sich ein Autogramm des 95-jährigen Täve Schur auf einer Seite der Neuen Berliner Illustrierten. Doch damit nicht genug: Für alle anwesenden DDR-Idole hatte er signierbare Erinnerungsstücke vorbereitet, darunter ein LP-Cover für Frank Schöbel.
Schöbel präsentierte im Kreise der Legenden ein neues Lied mit dem Titel Im Osten geht die Sonne auf – im Westen geht sie unter. Zwischen den Auftritten der Prominenten kam jedoch das anfangs bejubelte Wir-Gefühl zeitweise ins Wanken. Der vielstimmige Chor von Bau auf, bau auf... visionierte zwar das bessere Deutschland in Form der DDR, doch nicht alle Besucher teilten diese Nostalgie.
Kontroverse Reaktionen und persönliche Geschichten
Zwei Damen verließen den Saal vorzeitig, da die Verherrlichung der guten alten Zeiten ihnen Übelkeit bereitete – besonders angesichts der heutigen Lebensumstände vieler Menschen. An der Bar im Bürgersaal hatte man sich indes auf den Ost-Geschmack eingestellt und servierte das beliebte DDR-Mixgetränk Grüne Wiese, wenn auch nicht im Originalglas.
Die meisten Anwesenden waren jedoch zum Erinnern gekommen, fast wie in einer eingeschworenen Gemeinschaft. Viele berichteten von Job-Verlust, Abwicklung und biografischen Brüchen. Kerstin Draeger-Tlusty, die mit ihrem Mann Mike Tlusty aus Hamburg angereist war, fühlte sich in manchen Momenten als schlechter Mensch aus dem Westen. Das Ost-West-Paar mit Leidenschaft für beide Seiten betonte den Wunsch nach gegenseitigem Verständnis.
Politische Statements und persönliche Begegnungen
Egon Krenz, der letzte DDR-Staatschef, nutzte die Bühne, um politische Positionen zu verdeutlichen. Er beschrieb, wie die DDR nach Gorbatschows Politik in die Bundesrepublik Deutschland eingegangen sei, bedauerte jedoch, dass die eigene Prägung der 40 Jahre nicht ausreichend gewürdigt werde. Man mag über die DDR reden, wie man mag, aber man darf sie nicht aus der Geschichte streichen, so Krenz.
Lothar Scholz, ein 86-jähriger Besucher aus Feldberg, reiste extra an, um Krenz einen Brief zu überreichen, in dem er dessen Bücher als ehrliche Aufarbeitung unserer Geschichte lobte. Krenz, der wegen der Schüsse an der Mauer zu sechseinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden war, hatte sein drittes Buch mitgebracht, das viele Besucher signieren ließen.
Fazit eines bereichernden Abends
Thomas Brochhagen zog ein positives Resümee: Besser hätte ich mir den Abend gar nicht vorstellen können. Ich fühle mich nicht beschimpft, sondern klüger und bereichert. Er plant, mit seiner Familie demnächst Urlaub an der Müritz zu machen. Klaus Härtl, ein Ex-Fußballer aus Erfurt, der die Veranstaltung moderierte, resümierte: Es war im Osten nicht alles besser, aber es war mehr Gefühl. Sein Ziel ist es, dass mehr als Stasi und Stacheldraht von der DDR in Erinnerung bleibt.



