DDR-Stammtisch in Waren: Vier DDR-Legenden ziehen Besucher aus Ost und West an
DDR-Stammtisch: Vier Legenden locken West-Besuch an (14.03.2026)

DDR-Stammtisch in Waren: Vier DDR-Legenden ziehen Besucher aus Ost und West an

Im Warener Bürgersaal kam am Freitagabend eine besondere Runde zusammen: Vier DDR-Legenden mit insgesamt 341 Lebensjahren trafen sich zum sogenannten DDR-Stammtisch. Frank Schöbel, Waldemar Cierpinski, Täve Schur und Egon Krenz lockten dabei nicht nur lokale Besucher an, sondern auch Gäste aus weiter Ferne, die sich in historischer Selbstvergewisserung übten.

West-Besucher reist extra aus Nordrhein-Westfalen an

Thomas Brochhagen, ein Besucher aus Nordrhein-Westfalen, reiste eigens an die Müritz, um mehr über die Menschen in Ostdeutschland zu erfahren. "Ich habe meine Frau und den zehnjährigen Sohn um eine zweitägige Auszeit an der Müritz gebeten", erklärte er. Für den 95-jährigen Täve Schur hatte er eine Seite aus der NBI (Neue Berliner Illustrierte) mitgebracht, die der Radrennfahrer und ehemalige SED-Abgeordnete bereitwillig signierte.

Doch Brochhagen blieb nicht bei einem Autogramm stehen. Für Frank Schöbel hatte er ein LP-Cover mit Schlagern des 84-Jährigen vorbereitet, während er auch für die anderen DDR-Prominenten Material zum Signieren mitgebracht hatte. Schöbel präsentierte während der Veranstaltung sogar ein neues Lied mit dem Titel "Im Osten geht die Sonne auf – im Westen geht sie unter".

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Zwischen Ostalgie und kritischen Stimmen

Zu Beginn der Veranstaltung dominierte ein bejubeltes "Wir-Gefühl", das im vielstimmigen Chor von "Bau auf, bau auf...!" das bessere Deutschland – also die DDR – visionierte. Dieser Tenor blieb während des Abends präsent und erntete immer wieder Applaus, besonders als Täve Schur scherzhaft bemerkte, er wolle nur so lange leben und 100 werden, "um dem Kapitalismus lange zu schaden".

Doch nicht alle Besucher teilten diese unkritische Ostalgie. Zwei Damen verließen den Saal vorzeitig und begründeten ihren Schritt gegenüber dem Nordkurier damit, dass das Bejubeln der alten Zeiten ihnen Übelkeit bereite – "zumal es vielen heute sehr gut ginge".

Persönliche Geschichten und politische Reflexion

Kerstin Draeger-Tlusty und ihr Mann Mike Tlusty waren extra von der Alster an die Müritz gereist – ein Ost-West-Paar mit Leidenschaft für beide Seiten. "Wir reden viel über unsere Kindheit, manche Spiele waren doch die gleichen. Wir wollen einander im Denken verstehen", beschrieb sie. Die Hamburgerin fühlte sich jedoch an diesem Abend in manchen Momenten "als schlechter Mensch aus dem Westen".

Ein anonym bleibender Zuschauer äußerte sich kritischer: "Solche Veranstaltungen waren überfällig. Es muss über unsere Geschichte und unsere Leben wertschätzender geredet werden. Und wie kann es sein, dass man in der Schule das Thema DDR kaum mehr behandelt! Wir sind doch noch immer Menschen zweiter Klasse."

Politische Einordnung und historische Bewertung

Egon Krenz, der letzte Staatschef der DDR, nutzte die Gelegenheit für eine politische Einordnung: "Als Gorbatschow uns aufgegeben hatte, hinter unserem Rücken seine Politik machte, hätten wir machen können, was wir wollen, denn wir wären ohne die Sowjetunion nicht existent gewesen. Die DDR ist eingegangen in die Bundesrepublik Deutschland. Leider eingegangen, aber nicht beachtet, dass wir 40 Jahre lang eine eigene Prägung hatten."

Krenz, der wegen der Schüsse an der Mauer zu sechseinhalb Jahren Gefängnis verurteilt wurde (von denen er vier Jahre absaß), hatte an diesem Abend sein drittes Buch mitgebracht. Viele Besucher nutzten die Gelegenheit, ihre Exemplare seiner Bücher signieren zu lassen.

Besondere Begegnungen und persönliche Momente

Lothar Scholz, ein 86-jähriger ehemaliger Lehrer aus Feldberg, reiste extra an, um Egon Krenz einen Brief zu überreichen. "Ich habe dem Egon meinen Brief gegeben, weil ich seine genaue Adresse nicht kenne", erklärte er. In dem Brief lobte er Krenz' Bücher als "ehrliche Aufarbeitung unserer Geschichte".

Moderiert wurde der Abend von Klaus Härtl, einem Ex-Fußballer aus Erfurt, der mit seinen Veranstaltungen erreichen möchte, "dass mehr als Stasi und Stacheldraht von der DDR bleibt". Trotz "Knie" – wie er scherzhaft bemerkte – führte er souverän durch das Programm.

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Fazit eines West-Besuchers

Thomas Brochhagen, der Besucher aus Nordrhein-Westfalen, zog am Ende des Abends ein positives Fazit: "Besser hätte ich mir den Abend gar nicht vorstellen können. Ich fühle mich nicht beschimpft, sondern klüger und bereichert". Er kündigte an, demnächst mit seiner Familie Urlaub an der Müritz zu machen und Ostdeutschland weiter zu erkunden.

Der DDR-Stammtisch in Waren zeigte einmal mehr, wie lebendig die Auseinandersetzung mit der DDR-Vergangenheit bleibt – und wie unterschiedlich diese Erinnerung von Ost und West, von Befürwortern und Kritikern bewertet wird.