Leben zwischen den Zäunen: Eine Familie im DDR-Sperrgebiet an der Elbe
Familienleben im DDR-Sperrgebiet an der Elbe

Leben zwischen den Zäunen: Eine Familie im DDR-Sperrgebiet an der Elbe

Warnfried und Adelheid Meyer haben ihr gesamtes Leben an der Elbe verbracht, doch nicht nur der mächtige Fluss bestimmte ihren Alltag, sondern vor allem die Grenzzäune der DDR, zwischen denen sie wohnten. Im Jahr 1972 zogen die beiden mit ihren Kindern Manuela und Dirk in das winzige Örtchen Viehle, das damals nur etwa 25 Einwohner zählte und lediglich 50 Meter von der Elbe entfernt lag.

Ein Dorf im Sperrgebiet

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das „rechtsseitige Elbgebiet“ dem Kreis Hagenow zugeordnet und lag damit mitten im DDR-Sperrgebiet. Viehle war durch einen Zaun etwa 200 Meter hinter dem Nachbarort Sumte von der restlichen DDR abgetrennt. Zunächst zog die Familie Meyer in die alte Schule des Dorfes, die direkt auf dem heutigen Deich stand. Doch nur zwei Jahre später mussten sie umziehen, denn im Rahmen der Neuordnung des Bezirks Schwerin wurde Viehle 1974 nach Sumte eingemeindet.

Ein zweiter Grenzzaun wurde direkt auf der Deichlinie errichtet, der das Dorf fortan von den Elbwiesen trennte. Die alte Schule, in der die Meyers gewohnt hatten, wurde für den Zaunbau leergezogen und schließlich abgerissen. „Da konnte man bei Hochwasser direkt aus dem Fenster angeln“, erinnert sich Warnfried Meyer bedauernd an den Verlust ihres ersten Wohnhauses.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Alltag mit den Grenzsoldaten

Die Familie zog nicht weit weg, denn die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft, bei der beide angestellt waren, baute ihnen eine Wohnung in einem gegenüberliegenden Bauernhaus aus. „Die wollten uns gerne behalten, denn wir haben gut gearbeitet und kamen auch mit den Grenzern gut aus“, erklärt Warnfried Meyer. Er betont heute, dass die meisten Soldaten nette Menschen gewesen seien, die nicht selbst entschieden hätten, dort stationiert zu werden.

Normalerweise kamen die Grenzsoldaten bei den Meyers vor allem im Winter gerne zum Kaffeetrinken vorbei. Bei Familienfeiern erhielten sie sogar ein Stück Torte. „Wir saßen mit den Soldaten in der Küche, die Maschinengewehre standen im Flur an der Heizung“, erzählt Warnfried Meyer. Dieser gute Kontakt war wichtig, denn die Meyers hatten die Jungrinder zu versorgen, die im Sommer direkt am Elbufer grasten.

Zwischenfälle und Besonderheiten

Doch nicht immer verlief der Alltag reibungslos. Einmal brachte Warnfried Meyer sich in Schwierigkeiten, als er über Wasserlöcher sprang, um keinen Umweg gehen zu müssen. „Da hat der Grenzer die Waffe durchgezogen und mich angehalten“, erinnert er sich. Die Aktion wurde als verdächtige Handlung eingestuft, und Meyer durfte einige Tage nicht ins Vorland zu den Tieren.

Ein weiterer Zwischenfall ereignete sich, als ein Jungstorch aus dem Storchennest auf dem Haus der Meyers in die Regenrinne fiel. Die Familie nahm das Tier auf und fütterte es, doch als Warnfried Meyer bei der Arbeit kleine Fische für den Zögling fing, wurde dies von einem weniger netten Grenzer beobachtet und gemeldet. Der Storch musste in den Schweriner Zoo gebracht werden, und Warnfried durfte erneut einige Zeit nicht im Vorland arbeiten.

Flaschenpost und Fluchtgedanken

Bei der Arbeit am Elbufer fanden die Meyers oft angespülte Flaschenpost und einmal sogar eine Luftballonkarte. Sie antworteten stets, schrieben jedoch vorsichtig, als ob sie die Absender schon lange kennen würden – aus Angst vor den Postkontrollen. Dennoch fanden sie auf diese Weise einige Freunde, mit denen sie bis heute in Kontakt stehen.

Bei den Meyers selbst reifte sogar der Gedanke an eine Flucht in den Westen, konkret bei Warnfrieds Schwester. Der Plan sah vor, die Grenzer einzusperren und dann durch die Elbe in Richtung Dannenberg zu schwimmen. „Wir haben uns dann aber dagegen entschieden, denn meine Mutter hätte ja nicht mitkommen können“, erklärt Warnfried Meyer. Seine Schwester wagte schließlich die Flucht gemeinsam mit ihrem Mann und zwei Söhnen, alle mit einem Seil aneinander festgebunden.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Die Wende und ihre Folgen

Als die Grenze 1989 geöffnet wurde, gingen die Meyers erst einmal nach den Kühen sehen. „Wir hatten ja keine Zeit, irgendwo hinzufahren, die Tiere brauchten uns ja“, sagt Adelheid Meyer. Die Wende erreichte Viehle schließlich in Form von unbekannten Personen, die die Grenzzäune abbauten und die Teile mitnahmen. „Da haben wir gedacht, das können wir wohl auch“, berichtet Warnfried Meyer. Gemeinsam mit Nachbarn und ihrem Sohn Dirk, der eine Behinderung hatte, bauten sie Zaunfelder ab, die sie auf dem Hof gut gebrauchen konnten.

Für die Familie änderte sich nach der Wende vergleichsweise wenig, doch Sohn Dirk konnte fortan in der Lebenshilfe arbeiten, was ihm große Freude bereitete. 2017 starb Dirk, was die Meyers noch enger an ihren Heimatort band. „Für mich ist Dirk nicht auf dem Friedhof, sondern hier“, sagt Warnfried Meyer bewegt.

Leben mit der Elbe

Das Leben direkt an der Elbe ist nicht ungefährlich, denn der Fluss tritt regelmäßig über die Ufer. Beim sogenannten Jahrhunderthochwasser 2002 stand das Wasser fast bis zur Deichkrone. „Wir haben Sandsäcke gepackt und mit den Hilfskräften hier gestanden und Angst um die Häuser gehabt“, erinnert sich Warnfried Meyer. Nach Ansicht der Meyers werden die Hochwasser gefährlicher, da das Elbufer heute nicht mehr wie zu DDR-Zeiten regelmäßig gemäht wird und mehr Treibgut mit sich führt.

Dennoch wollen beide, solange es irgendwie geht, in Viehle bleiben. „Ich gehe hier nicht weg, hier sind so viele Erinnerungen und außerdem habe ich hier zu tun“, macht Warnfried Meyer deutlich. Ihr Leben zwischen den Zäunen hat sie geprägt, doch die Verbundenheit zu ihrem Heimatort und der Elbe ist stärker als alle vergangenen Grenzen.