Das 35. Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern beginnt mit einem außergewöhnlichen Film. Der Dokumentarfilmer Dieter Schumann hat zwei Jahre lang Menschen begleitet, die vom Leben vergessen wurden. Sein Werk trägt den Titel „Garten der Hoffnung“.
Ein Garten als Ort der Begegnung
Ganz hinten auf dem Großen Dreesch im Mueßer Holz, wo die Innenhöfe oft wie Müllhalden aussehen und die Hoffnung klein ist, entsteht etwas Hoffnungsvolles. Zwischen Plattenbauten haben sich Fremde zusammengefunden und gärtnern gemeinsam. Auf zwanzig Parzellen wächst eine Gemeinschaft von Menschen, die aus ihrer fernen Heimat oder aus der Gesellschaft getrieben wurden. Hier werden aus Fremden Nachbarn.
Dieter Schumann schildert die Drehtage so: „Selten sind mir bei der Arbeit am Film die Menschen dermaßen ans Herz gewachsen. Und das bei der Suche nach einer einfachen Frage: Was passiert, wenn eine Brache zwischen Häusern urbar gemacht wird und die Anwohner ein Stück Garten bekommen?“ Eine zusammengewürfelte Gruppe, die eigentlich gar nicht zusammenpasst, so schildert es ein Kleingärtner selbst.
Gespräche ohne gemeinsame Sprache
Zwei Jahre hat Schumann diese Menschen begleitet. Mit ruhiger Kameraführung von Michael Kockot und viel Zeit lassen die Dokumentarfilmer die Menschen ihre Lebensgeschichten schildern. „Unser jüngster Sohn, der Burkhard, ist 2006 an Krebs verstorben“, erzählt Manfred Jaskowiak. Seine Frau ist auch bereits gegangen. Einsamkeit ist in seine Wohnung eingezogen. Jetzt ist sein Gesprächspartner Omar Almuthanna, ein Syrer. Beide verstehen sich nicht mit Worten, sondern mit Gesten. „Freundschaft. Druschba. Freund. So geht das bei uns“, muntert Manfred den noch verschlossenen Omar zu einer Umarmung auf. Stundenlang können die beiden über Gartenbau und Gott und die Welt quatschen. Wie, bleibt ihr Geheimnis.
Oben in seiner Wohnung berichtet der ehemalige Lederwarenwerker weiter: „Burkhard hatte als Kind die Marotte, dass er nicht einschlafen konnte. Jeden Abend stand er bis zu zehnmal an der Tür und stellte Fragen. Da haben wir gescherzt, du bist ja die reinste Nachteule. Das ist als Spitzname an ihm hängen geblieben. Und als er dann verstorben war, und wir irgendwo im Urlaub eine Eule gesehen haben, dann klickte es bei uns, und wir mussten die Eule einfach kaufen.“ Als Schnappschüsse im Gehirn bezeichnet Manfred Jaskowiak das.
Schicksale füllen den Film
Jetzt zeigt Manfred den Leuten vom Film hunderte Eulen in seiner Schrankwand, auf den Regalen, von der Decke hängend. „Ich versuche immer, die Eulen zu einer Familie zusammenzustellen“, schildert er ein Stück seines Lebens. Es sind die Schicksale, die den Film ausmachen. Sie berühren den Zuschauer.
Es ist die Fähigkeit des Dokumentarfilmers, die Menschen aufzuschließen. Ganz offenbar hat Schumann das Vertrauen über die lange Zeit der Begleitung gewonnen – hier hinten am Ende der Stadt, wo das Glück nicht gerade zu Hause ist.
Vor Jahren war es eine Idee von Wissenschaftlern der Humboldt-Universität und des Leibniz-Instituts, in urbanen Stadtgebieten in Halle, Cottbus und Schwerin Nachbarschaftsgärten als Modellprojekte anzuschieben, gefördert vom Bund. In Neudeutsch heißt es, in diesen Städten sei die Segregation am größten. Übersetzt: die soziale Entmischung – Innenstadt prima, Plattenbau schrecklich.
Im Garten 63 in Schwerin fand sich eine Pächtergemeinschaft aus Deutschen, Afghanen, Syrern, Irakern, Ukrainern, Russen und Italienern. Alt und Jung, Alleinstehende und junge Familien mit vielen Kindern versammeln sich im Garten. „StadtUmMig hieß das Projekt offiziell“, erläutert Projektkoordinatorin Birte Rathsmann. „Vom Stadtumbau zum Einwanderungsquartier. Es geht darum, was dieser ganze Stadtumbau nach der Wende mit den Menschen macht.“
Beete vorbereiten, säen, pflegen, ernten – all das sind Tätigkeiten, die sich wohltuend vom Turborhythmus der Informationsgesellschaft und vom Krisenmodus der Weltlage abheben.
Gartenprojekt sucht Sponsoren
Inzwischen ist das Projekt ausgelaufen, der Projektträger AWO hat sich verabschiedet, in der Schweriner Gesellschaft VSP wurde ein neuer Träger gefunden, zunächst für ein Jahr. Gelder vom Bund fließen nicht mehr. Der Garten 63 hangelt sich von Jahr zu Jahr und sucht Sponsoren für Geräte und Unterhalt. Schon einmal standen die Parzellen vor der Einebnung. Trotz des Erfolgs an einem Ort, an dem demokratische Parteien keine Stammwähler mehr haben.
„Über die Beschäftigung mit der Erde wächst eine gemeinsame Sprache“, beobachtet Schumann. Er sieht im „Garten der Hoffnung“ eine hoffnungsvolle Vision für die Gesellschaft. „Es ist eine Schule gegenseitiger Wahrnehmung, von Toleranz und damit auch von Demokratie. Nicht jeder kämpft gegen jeden, sondern eine neue, mitunter auch mühevolle Gemeinsamkeit ist im Entstehen.“
Wiebke und Ronny – eine Lebensgeschichte
Schumann zeigt das auch am Schicksal von Ronny und Wiebke. Ronny wurde vom provozierenden Ablehner des Gartenprojektes inzwischen zum Sprecher des Gartenrates. Wiebke, die einst ganz unten im Leben war, sagt nun: „Aufgeben ist keine Option.“
Wiebke Dahl erzählt: „Ich habe vor Jahren eine Tochter geboren. Mit 17. Sie ist in meinen Armen nach einer Woche eingeschlafen. Ich war damals das erste Mal schwer verliebt. Ich lebte im Kinderheim, wo sich die Betreuer sehr um mich gekümmert haben. Aber ich war schwer krank. Ich war völlig überfordert.“ Ronny ergänzt: „Wir haben in der Sternwarte in Schwerin einen Stern mit Koordinaten gekauft. Da können wir immer sehen, wo sie ist.“ Jetzt haben Ronny und Wiebke vier Kinder. „Ich habe alles erreicht in meinem Leben. Ich habe vier gesunde Kinder. Ich habe eine schöne Wohnung. Ich habe einen tollen Mann – ich habe einen Garten. Ich bin glücklich“, sagt sie.
Petra, eine eher betagte Nachbarschaftsgärtnerin, erzählt ihre Geschichte. Sie habe ihr Leben lang gearbeitet, zuletzt 25 Jahre als Verkäuferin in einem nahen Supermarkt. Doch jetzt kann sie sich ein Konzert oder einen Theaterbesuch von ihrer geringen Rente nicht leisten. Das Miteinander im Garten lässt sie diese Einschränkung und Einsamkeit ein wenig vergessen. Hier gibt es Gärtner, die mit ihren oft aus der Heimat mitgebrachten Instrumenten Geselligkeit schaffen. Sehr emotional ist die Szene, in der mit quasi internationaler Besetzung „Dat du min Leevsten büst“ gesungen wird.
Dieter Schumanns Schaffen
Es sind diese Filme, die Dieter Schumann bekannt gemacht haben: Das Road-Movie „Flüstern & Schreien“ aus der Endzeit der DDR; „Wadans Welt“ vom Ende der MTW Werft Wismar und dem Stolz der Schiffbauer – auf 20 Festivals im In- und Ausland gelaufen und in acht Sprachen übersetzt. „Garten der Hoffnung“ bezeichnet der Dokumentarist aus Basthorst nun ebenfalls als einen der wichtigsten Filme, die er je gemacht habe. Seine Filmografie ist umfangreich.
Wie alle seine großen Filme ist auch dieser mit einer Stunde und 59 Minuten ein sehr langes Werk. Man muss sich auf den Film einlassen mögen. Und dennoch ist es nicht nur ein Streifen für Dokumentarfilmfreunde. Er zeigt ein Stück Zeitgeschichte. Dokumentarfilm im besten Sinne. Wenn er am Dienstag das erste Mal im Capitol in Schwerin gezeigt wird, will der Filmemacher mit seinen Protagonisten mit einer historischen Straßenbahn vom Großen Dreesch in die Innenstadt fahren. Ein großes Spektakel.
Film wird nicht nur im Festivalkino gezeigt
Festivalgeschäftsführer Volker Kufahl sagt zur Wahl des Eröffnungsfilms: „Dieses Festival wird 35 Jahre. Es ist uns eine Freude, das Jubiläumsfestival mit einer Weltpremiere von Dieter Schumann eröffnen zu können, der dieses Festival nicht nur mitbegründet hat, sondern wie kein anderer diese Region über 40 Jahre filmisch porträtiert und mitgestaltet hat. Dieter Schumann zeigt in einem Beispiel direkt vor unserer Haustür, wie aus Beziehungen zwischen Menschen, die auf den ersten Blick wenig gemeinsam haben, ein gemeinsames Verständnis und kollektives Handeln erwachsen kann.“ Außer am Eröffnungsabend wird der Dokumentarstreifen auch auf dem Dreesch gezeigt.
Mit Dieter Schumann kann man nicht reden, ohne auf die Filmförderung in Mecklenburg-Vorpommern zu kommen. Vor vier Jahren war der Filmemacher selbst an einer Neuaufstellung der Filmlandschaft in MV intensiv beteiligt. Inzwischen steht er wieder – freundlich formuliert – in einem kritischen Austausch mit der zuständigen Kulturministerin. Für ihn ist der hoffnungsvolle Neuanfang versandet. „Der Dokumentarfilm ist eines unserer wertvollsten audiovisuellen Zeitzeugnisse, was ihn über seinen aktuellen Zeitbezug hinaus wirksam macht, weil er tiefe und authentische Einblicke des Alltagslebens unserer Zeit festhält und für zukünftige Generationen erfahrbar macht. Deshalb spreche ich beim Dokumentarfilm immer von zwei Leben, seinem heutigen und einem für die Zukunft“, so der erfahrene Filmemacher.
Zum Schluss von „Garten der Hoffnung“ sagt die Ukrainerin Kateryna Kotenko, die als Künstlerin auch das Plakat für den Dok-Film geschaffen hat, über den Nachbarschaftsgarten und ihre neue Heimat: „Hier ist ein freundlicher Platz mit freundlichen Leuten.“ Welch ein einfacher und hoffnungsvoller Satz. Oder eine Utopie?



