Flucht aus der DDR und Rückkehr nach MV: Klaus Kieselmanns bewegende Lebensreise
Klaus Kieselmann genießt den Blick aus dem Fenster auf die vereiste Müritz und vor allem auf die vielen gefiederten Gäste in seinem Garten, die sich an dem reichlich bereitgestellten Körnerfutter laben. Mit 81 Jahren blickt er auf ein Leben voller Wendungen zurück, das von einer mutigen Flucht aus der DDR geprägt war und ihn Jahrzehnte später wieder in seine Heimat Mecklenburg-Vorpommern führte.
Ein Tischlermeister mit großen Plänen
Als Tischlermeister in Waren an der Müritz lebte Klaus Kieselmann in der DDR, doch seine Ambitionen waren zu groß für das enge Korsett des Systems. Sein Meisterstück, eine Haustür in der Mozartstraße, zeugte von seinem handwerklichen Können, doch im Jahr 1969 zog es ihn nach Leipzig, wo er im Volkseigenen Betrieb Innenprojekt arbeitete. „Ich wusste immer, wenn sich eine Lücke ergibt, dann nutze ich sie und gehe weg“, erinnert er sich. Sein Entschluss stand fest: Bis 1975 wollte er die DDR verlassen, nicht aus materiellen Gründen, sondern weil er das System als zermürbend empfand.
Die riskante Flucht in den Westen
Die Gelegenheit zur Flucht ergab sich unverhofft durch Kontakte zu einem ehemaligen Kollegen, der plötzlich verschwunden war. Gemeinsam mit seiner Partnerin Rita, die als Physiotherapeutin arbeitete und ähnlich dachte, plante Klaus Kieselmann den riskanten Weg in die Freiheit. Die Vorbereitungen waren nervenaufreibend: „Was man für Energie und Gedanken entwickelt, um das zu schaffen, das ist unfassbar“, sagt er heute. Telefonate führte er aus Rumänien, um Abhörungen zu vermeiden, und in Budapest traf er sich heimlich mit Helfern, die seinen Brief mit wichtigen Informationen nach München schicken sollten.
Am 31. Mai 1973, Himmelfahrtstag, war es schließlich so weit. Mit letzten Flugtickets nach Budapest und 15.000 D-Mark Schleusergeld im Gepäck bestiegen Klaus und Rita Kieselmann einen Lkw, der sie und andere Flüchtlinge über die Grenze brachte. Die Erleichterung war groß, als sie österreichischen Boden betraten und später in München ein neues Leben begannen.
Neuanfang in München und Rückkehr an die Müritz
In München fand das Paar schnell Arbeit und eine Wohnung, heiratete und genoss die Freiheit des Westens. Doch nach der Wende 1989 keimte die Sehnsucht nach der alten Heimat auf. Die Vertrautheit der Müritz-Region und die Erinnerungen an Kindheit und Jugend ließen nicht los. „Sollten wir noch einmal aufbrechen? Von Süd nach Nord, aus einer Metropole nahezu aufs Land?“, fragten sie sich. Die Antwort fiel eindeutig aus: Sie kehrten zurück nach Röbel an der Müritz.
Ein erfülltes Leben im Einklang mit der Natur
Heute verbringt Klaus Kieselmann seine Tage damit, Vögel zu füttern und zu beobachten – bis zu 60 Kilogramm Sonnenblumenkerne verteilt er übers Jahr an seine gefiederten Freunde. Sein Engagement bei den Ornithologen und die stille Freude an der Natur sind für ihn Symbol für Ankunft und inneren Frieden. Würde er die Flucht noch einmal wagen? „Ja!“, antwortet er ohne Zögern und wendet den Blick auf die Meisen und Amseln in seinem Garten, die sein Leben heute bereichern.
Klaus Kieselmanns Geschichte ist ein Zeugnis von Mut, Entschlossenheit und der tiefen Verbundenheit zur Heimat, die selbst nach Jahrzehnten im Westen nie verloren ging.



