Gregor Gysi in Greifswald: „Wessis verstehen den Wahlzettel nicht“
Gregor Gysi: Wessis verstehen den Wahlzettel nicht

Gregor Gysi war zu Gast in Vorpommern und teilte in seinem Programm „Auf eine Currywurst mit Gregor Gysi“ ordentlich in alle Richtungen aus. Im Theater Vorpommern in Greifswald bekam jeder sein Fett weg: von einem überforderten Friedrich Merz, einem US-Präsidenten mit Minderwertigkeitskomplexen, einer gefälschten DDR-Moschee und einem Wessi, der nach 30 Jahren immer noch nicht versteht, wie er seinen Wahlzettel auszufüllen hat.

Gregor Gysi teilt aus

Etwa 300 Besucher, vornehmlich Studenten und Rentner, lauschten Gysi im Gespräch mit Moderator Hans-Dieter Schütt bei fast vollem Haus über Politik, Anekdoten, gutes Frühstück und das Leben. Auch die ein oder andere rhetorische Spitze kam vom Alterspräsidenten des Deutschen Bundestags und flog mal in Richtung Russland, mal in Richtung USA und mal in Richtung Berlin. So brauche etwa US-Präsident Donald Trump eine Psychologin. „Ich hatte viele solcher Mandanten. Der leidet an Minderwertigkeitskomplexen, weil er bei den Frauen nicht so erfolgreich war, wie er sich ausgerechnet hat, dass er hätte erfolgreich sein müssen“, erklärte der Jurist. Deshalb könne ihm auch kein Psychologe helfen, sondern nur eine Psychologin, scherzte Gysi. Die Regierung Merz hingegen sei laut Gysi überfordert und der Kanzler blicke nur nach unten, statt nach oben. Doch mit Staatsoberhäuptern habe es schon die DDR nicht leicht gehabt.

Eine DDR-Moschee, die es nie gab

Unter anderem von seinem Vater, der Minister für Kultur war, wisse er von einem Besuch des libyschen Staatschefs Gaddafi, der sich den Bau einer Moschee in der DDR gewünscht und auch das Geld dafür überwiesen habe. Acht oder neun Jahre später sollte Gaddafi erneut die DDR besucht haben, was diese an die versprochene Moschee und das schon ausgegebene Geld erinnert hätte. Kurzerhand musste die NVA das Wasserpumpenwerk in Potsdam – das einzige Gebäude in der DDR, das zumindest optische Ähnlichkeiten mit einer Moschee hatte – ausräumen und mit Teppichen pflastern. „Dann kam der einzige Lehrstuhlinhaber für Islam der Humboldt-Universität und der Professor sagte: ‚Habt ihr ’ne Meise, die Teppiche müssen alle nach Mekka ausgerichtet sein‘, da mussten sie die Teppiche neu auslegen“, erzählte Gysi. Gaddafi habe letztlich nicht nach der Moschee gefragt und die NVA alle Pumpen und Geräte wieder montiert. Anekdoten wie diese brachten ihm in Greifswald schallendes Gelächter der Zuschauer ein.

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Gysis Maßnahmen für Deutschland

Doch es wurde auch ernster. „Man muss die Demokratie und die Rechtsstaatlichkeit attraktiver machen“, sagte der 78-Jährige zu Moderator Hans-Dieter Schütt. Dafür habe er auch Maßnahmen in petto. Unter anderem sollten der Justiz Fristen für Beschlüsse gesetzt werden, Bürger sollten mehr Mitsprache bei der Listenauswahl von Parteien bekommen und nicht zuletzt sollte der Wahlzettel geteilt werden. Gysis Erfahrung nach wüssten nämlich viele Wähler nicht, dass sie Erststimme und Zweitstimme unterschiedlich vergeben können. „Nicht im Osten, weil meine Partei den Osten diesbezüglich aufgeklärt hat. Aber im Westen, vor allem in Bayern, gibt es viele, die denken, sie müssten das einheitlich machen. Also wenn du die CDU/CSU wählen willst, dann musst du auch den CSU-Kandidaten wählen“, berichtete er. Gysi erzählte eine Anekdote von einem Mann aus Westdeutschland, der seinen Wahlzettel erst nach 30 Jahren begriffen habe. Ebenfalls hagelte es Kritik an dem Vorgehen nach und während der Wiedervereinigung.

Die BRD konnte nicht aufhören, zu siegen

„Die Bundesrepublik Deutschland hatte gesiegt, ihre Verhältnisse blieben und sie konnten nicht aufhören, zu siegen. Deshalb hat sie die DDR reduziert auf SED, Staatssicherheit und Mauertote. Das gab es und das soll auch aufgearbeitet werden, aber sie hat sich nicht für das Leben in der DDR interessiert“, kritisierte der 78-Jährige. Übernommen worden seien letztendlich nur Sandmännchen, Ampelmännchen und der grüne Abbiegepfeil. Den Besuchern im Theater Vorpommern gefiel, was sie etwa zwei Stunden lang geboten bekamen. Unter tosendem Applaus und teilweise stehenden Ovationen verließ der Linke-Politiker gegen 22 Uhr die Bühne.

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