Letzter Brief aus dem Knast: Ulla (36) nahm sich das Leben nach DDR-Haft
Wolfgang Kempe hat 29 Monate seines Lebens hinter Gittern verbracht. Über 126 Wochen lang sperrte ihn die DDR-Führung ein, weil er nicht mehr in seiner Heimat bleiben wollte. „Eines anderen Vergehens habe ich mich nie schuldig gemacht. Aber das reichte schon aus für den Knast“, erklärt der heute 80-Jährige. Dass der Osten nichts für ihn war, sei ihm früh klar gewesen.
Der Wunsch nach Freiheit und Individualität
„Fahnenappelle, Staatsbürgerkundeunterricht, FDJ-Disziplin und dieses ganze Gelüge ... Ich wollte mir auch nicht von irgendwelchen Parteibonzen vorschreiben lassen, was ich sagen oder wohin ich reisen darf. Das war mir alles zu eng. Ich wollte da raus“, bilanziert der 1982 wegen Republikflucht verurteilte Mann mehr als vier Jahrzehnte später. Prägend seien auch die Erlebnisse seiner Familie, die Landwirtschaft betrieb, in den Jahren der Zwangskollektivierung gewesen.
„Plötzlich mussten alle Bauern in die LPG rein. Und unsere Rinder wurden in Offenställe abtransportiert, weil der Russe es so wollte. Dort sind unsere Kühe dann jämmerlich verreckt, weil sie das gar nicht gewohnt waren - diese verdammten Verbrecher“, setzt er im Interview mit dem Nordkurier hinzu. Spätestens mit Erreichen der Volljährigkeit wollte sich Wolfgang Kempe deshalb im Westen seinen Wunsch nach Freiheit und Individualität erfüllen.
Fluchtversuch und Verurteilung
„Ich hatte als 14-Jähriger mal mit der Schulklasse einen Ausflug in die Hauptstadt gemacht und mich dabei auch im Westteil umgeschaut, während meine Klassenkameraden in Ostberlin eine Zirkusvorstellung besuchten. Der Ku’damm und das bunte Leben, ja, das zog mich sofort in seinen Bann“, erinnert sich Kempe. Doch aus dem erträumten Neustart mit 18 wurde nichts, weil 1961 plötzlich eine Mauer zwischen den beiden Hälften Deutschlands stand.
Mehr schlecht als recht arrangierte sich der gelernte Klimatechniker zunächst mit der neuen Realität: „Aber meine Gedanken kreisten ständig darum, wie ich abhauen kann - nach der Devise ‚weg oder verreck'“. Von jedem Urlaub in Ungarn sei er entschlossener zurückgekommen. „In den dortigen Hotels lagen westdeutsche Zeitungen mit Stellenanzeigen aus. Ich wusste also, dass ich drüben schnell Arbeit kriegen würde“.
Auch seine damalige Frau Ursula, die als Disponentin arbeitete, steckte er mit seinem Fernweh an. „Ursula wollte ebenfalls nur noch eins: raus aus der verhassten DDR“. Als das Paar allen Mut zusammennahm und einen Fluchtversuch an der tschechischen Grenze wagte, war sein Schicksal vorerst besiegelt. Beiden wurde der Prozess gemacht.
Häftlingsfreikauf und tragischer Verlust
Das Strafmaß - viereinhalb und vier Jahre Haft - habe ihn allerdings weniger erschüttert als seine Frau, blickt der Rentner zurück: „Ich habe mir immer gesagt: Wir überstehen das und kommen da raus. Nur dass das Tor dann für uns in Richtung Westen aufgehen wird“. Er war sicher, dass der Westen sie freikaufen würde.
Zwischen 1963 und 1989 holte die Bundesrepublik knapp 34.000 politische Häftlinge aus den Gefängnissen der DDR raus. Dieser „Häftlingsfreikauf“ war eine geheime Vereinbarung, die dem SED-Regime Devisen und Waren im Wert von fast 3,5 Milliarden DM einbrachte. Wolfgang Kempe gehörte 1984 wie erhofft dazu, doch für seine Ursula kam diese Hilfe leider zu spät.
Sie hatte sich im November 1984 mit nur 36 Jahren im Gefängnis das Leben genommen. „Ihr Selbstmord hat mich von den Brettern gehauen“, gesteht Wolfgang Kempe erschüttert. Heute wisse er, dass das Frauengefängnis um ein Vielfaches brutaler gewesen sei als das der Männer, „obwohl auch bei uns Isolationshaft und Schikanen zum Alltag gehörten“.
Neuanfang im Westen und heutiges Leben
Bis heute habe er dieses schmerzhafte Kapitel nicht vergessen, sagt der Pensionär, der sich nach der Übersiedlung in die BRD eine gut gehende Fachfirma hatte aufbauen können. Nach deren Verkauf siedelte der Senior nach La Gomera um, wo er mit seiner neuen Frau bis heute lebt.
Eigenen Nachwuchs hat der 1945 Geborene nicht, nur eine Adoptivtochter: „Ich selbst wollte in dem DDR-Regime keine Kinder in die Welt setzen - aus Angst, dass sie so werden wie ich und sich dem System widersetzen“. Denn gut leben konnte man in der DDR nur, wenn man sich an die Regeln hielt und funktionierte, ist Wolfgang Kempe überzeugt.
Das sei nach der Ankunft im Westen glücklicherweise anderes gewesen. Was ihn an den neuen Bundesländern bis heute störe, sei die Sympathie vieler Bewohner für die AfD, bekräftigt der Ex-Häftling abschließend und fragt: „Haben die Menschen denn nicht aus der Geschichte gelernt?“



