Bilanz des Oberbürgermeisters: Nico Klose erklärt seine „Unsichtbarkeit“ und kündigt teures Schwimmen an
Nach 300 Tagen im Amt zieht Oberbürgermeister Nico Klose im Latücht eine Zwischenbilanz. Mit Sparvorgaben, einer Schwimmhalle, die alles kosten wird, und drei Spielkarten.
Neubrandenburg – Lesedauer: 4 min
Nach 300 Tagen im Amt stellt sich Nico Klose den Fragen des Nordkurier-Redakteurs Jörg Franze und verweigert zweimal gern die Aussage. (Foto: Matthias Lanin)
Von Matthias Lanin
Veröffentlicht: 12.05.2026 • 22:49 Uhr
Drei Spielkarten liegen vor Nico Klose auf dem Tisch im Latücht-Kino. Joker, einer pro Frage, die der Oberbürgermeister nicht beantworten möchte. Zweieinhalb Stunden lang wird er sie nicht brauchen.
Bislang niemanden ins Gebet genommen
Rund 300 Tage ist der parteilose Oberbürgermeister im Amt. Auf der Bühne befragt ihn Joerg Franze für den Nordkurier, 65 Gäste sitzen im Saal, eine Kamera überträgt live. Was er im Juli vorgefunden habe, sei eine professionell arbeitende Verwaltung gewesen, sagt Klose. Ins Gebet nehmen habe er niemanden müssen.
Vorgenommen habe er sich zweierlei: die internen Prozesse durchleuchten und die Sprache der Verwaltung konkreter machen. Zum 1. Januar sei das Front-Office-Projekt gestartet, das rund 80 Prozent der Standardfälle an einer Anlaufstelle abwickeln soll – vom Personalausweis bis zur Zulassung.
Eine Kritik aus den ersten Monaten lässt der Oberbürgermeister an sich abprallen. Wer nichts mache, der mache auch nichts verkehrt: Den Satz habe er gehört, er treffe ihn aber nicht. Er habe nicht den Anspruch, sichtbar zu sein, sondern präsent – für die Kommunalpolitik halte er eine gewisse Ruhe für gesund. Seinen Instagram-Account bespiele er selbst, die Stadt habe ihre eigenen Kanäle.
Politiker, Unternehmer und viele interessierte Leser folgten der Einladung des Nordkurier, unter anderem Landtagskandidat Erik von Malottki (Mitte). (Foto: Matthias Lanin)
Mit einer Fraktion gab es kein Treffen
Mit allen Fraktionen der Stadtvertretung außer der AfD habe er gesprochen, einige sogar zwei- oder dreimal. Mit der AfD-Fraktion sei eine Terminfindung gestartet und dann abgebrochen. Selbst dort, wo politisch keine Einigkeit herrsche, gebe es eine vernünftige Kommunikation, berichtet Klose. Die Stadt habe nach den vergangenen Jahren so etwas wie eine Bruchkante gebraucht, hinter die niemand mehr zurückwolle.
Beim größten Bauprojekt der nächsten Jahre, dem Schwimmhallenneubau, hat die Planungsphase 3 einen Korridor von 27 bis 33 Millionen Euro ergeben – und die Verwaltung schlägt eine Richtungsentscheidung vor: weg vom ursprünglichen Stadtvertretungsbeschluss, hin zu einer 50-Meter-Bahn, die sich technisch trennen lässt. Im Bau sei das rund fünf Millionen Euro günstiger, im Betrieb pro Jahr etwas teurer.
Der Begleitausschuss habe der Variante bereits zugestimmt, die Vorlage gehe in die nächste Sitzung der Stadtvertretung. Selbst nach Abzug aller Fördermittel werde ein Eigenanteil von rund 25 Millionen Euro bei der Stadt bleiben – voraussichtlich kreditfinanziert. Ob Neubrandenburg 2027 in das Haushaltssicherungskonzept rutsche, sei offen.
Alle Abteilungen sollen zehn Prozent einsparen
Auch der laufende Haushalt drückt: Elf Millionen Euro weniger Schlüsselzuweisungen gegenüber dem Vorjahr, eine Kreisumlage von rund 50 Millionen Euro, steigende Personalaufwendungen durch Tariferhöhungen. Im Juni starten die Planungen für 2027. Allen Fachbereichen sei eine Sparvorgabe von zehn Prozent gesetzt worden. Den Satz, die Stadt könne sich die Schwimmhalle nicht leisten, will Klose nicht ausschließen. Er hoffe, ihn nicht sagen zu müssen.
Beim Werben für Fördermittel höre man ihm in Schwerin durchaus zu, sagt Klose. Auch die Gespräche mit Philipp Amthor, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesdigitalministerium und CDU-Bundestagsabgeordneter aus der Region, zu einem Sportstättenantrag seien gut gelaufen. Doch das strukturelle Problem ändere auch ein engagierter Bundestagsabgeordneter nicht: Die Aufmerksamkeit der Landesregierung liege bei den Küstenstädten. Das sei ein Eindruck, den auch die Menschen in der Stadt teilten – und es sei seine Aufgabe als Lobbyist für Neubrandenburg, das immer wieder einzufordern.
Aus dem Publikum kommen die kleinen großen Themen: Radfahrer auf der Turmstraße, Leerstand in den Centern, die Toilettenlage in der Innenstadt nach Veranstaltungen. Zur Postfiliale im Marktplatz-Center, die zum 30. Juni schließt, sagt Klose: Eine Ersatzfiliale eröffne in dieser Woche im Tabakshop in der Treptower Straße schräg gegenüber. Die Karl-Marx-Bronze komme voraussichtlich Ende Herbst in den Innenhof des Franziskanerklosters – der Künstler habe erst dann Reparaturkapazitäten.
Klose braucht zweieinhalb Stunden lang keinen Joker und dann zwei nacheinander. (Foto: Matthias Lanin)
100.000 Euro für Anti-Drogen-Projekte
Auf die Drogendebatte des vergangenen Sommers angesprochen, korrigiert sich Klose. Den Satz, eine konkrete Drogenpolitik der Stadt sei nicht zu erkennen, würde er heute nicht mehr so formulieren. Im Haushalt seien 100.000 Euro für ein Präventionskonzept eingestellt, fachlich getragen von Trägern der Suchthilfe und messbar in der Wirkung, hofft der Verwaltungschef.
Schwarzwälder Kirschtorte oder Streuselkuchen? Streuselkuchen. Stadtvertretersitzung oder Kreistagssitzung? Stadtvertretersitzung. Ausgeglichener Haushalt oder Megakonzern zieht in die Stadt? Haushalt. Frühstück mit Robert Schnell oder Abendessen mit Toralf Schnur? Die erste Karte fliegt zu Franze rüber, bevor er die Frage zu Ende gesprochen hat. Joker.
Was kommt nach der Amtszeit – Saunafass-Verleih oder Landrat der Seenplatte? Den ersten Saunafass-Verleih Mecklenburg-Vorpommerns habe er einmal aufgezogen, erinnert Klose mit einem Augenschimmer, der Nostalgie oder Scham bedeutet. „Bitte nicht weiter fragen“, sagt er. Die zweite Karte folgt. Landrat sei auch nichts für ihn. Einen Joker darf Klose behalten.



