Wilfried Wachs aus Stavenhagen-Klockow ist Busfahrer mit Leib und Seele. Eigentlich wollte der 70-Jährige seinen Busführerschein nicht mehr verlängern, doch dann entschied er sich um. Alle fünf Jahre müssen Busfahrer ihre Lizenz erneuern, und so ganz loslassen kann der Stavenhagener noch nicht. „Es macht mir immer noch Spaß“, sagt er. Heute sitzt er nicht mehr im Schüler- oder Linienverkehr, sondern lenkt gelegentlich einen Oldtimer: einen Ikarus 55, Baujahr 1962.
Ein Stück DDR-Geschichte auf Rädern
Die in Ungarn produzierten Ikarus-Busse waren zu DDR-Zeiten allgegenwärtig. Der Ikarus 55 bleibt vielen durch sein gurgelndes, lautes Motorengeräusch in Erinnerung. Wenn Wilfried Wachs den Bus fährt, erregt er stets Aufsehen. Viele Menschen stellen Fragen, fachsimpeln über das alte Getriebe, zücken Kameras oder winken an der Straße. Der 70-Jährige hat für alle ein Lächeln übrig. Nur wenige können diese nostalgischen Busse noch fahren – mit manuellem Fünfgang-Getriebe und ohne Servolenkung. Das erfordert Kraft und Geschick. „Aber gelernt ist gelernt“, meint Wilfried Wachs.
Er lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, selbst wenn er wegen einer unerwarteten Baustelle fast 100 Meter rückwärts bergauf aus einer Sackgasse manövrieren muss. Den Ikarus 55 fährt er für einen guten Freund, dem der Bus gehört. Zu Hochzeiten, Geburtstagen, Jubiläen, Betriebsausflügen oder Familientreffen ist er mit ihm unterwegs und versetzt die Fahrgäste zurück in die Vergangenheit.
Sechs Jahre Restaurierung in Ungarn
Jörg Steingraf, Vorsitzender des Oldtimerclubs Jürgenstorf, hat die „Zigarre“ – so wurde der Ikarus 55 im Volksmund genannt – vor 15 Jahren gekauft. Er erwarb sie von einem ehemaligen Busunternehmer aus Kloster Lehnin bei Potsdam. Dieser hatte den Bus zu DDR-Zeiten gefahren und nach der Wende bei sich abgestellt. Lange wollte er sich nicht trennen, verkaufte schließlich aber doch. Der Bus stand noch zwei, drei Jahre in Jürgenstorf, bevor Steingraf ihn auf einem Tieflader nach Ungarn brachte. Dort ließ er den Ikarus komplett restaurieren – ein Prozess, der sechs Jahre dauerte.
Freundschaft seit der Armeezeit
Steingraf und Wilfried Wachs kennen sich seit der gemeinsamen Armeezeit in Basepohl in den 1980er-Jahren. Steingraf war damals sein Vorgesetzter. Wachs fuhr als Zivilangestellter Soldaten mit dem Bus durch die gesamte DDR. Aufgewachsen in Pentz, lernte er beim Kraftverkehr in Demmin, bevor er 1976 als Busfahrer in Basepohl anfing. Bis 1992 war er dort in der Kaserne beschäftigt. Später arbeitete er für Pommernland und Netto, kehrte dann zur Verkehrsgesellschaft zurück, für die er bis 2025 Busse lenkte – auch als Rentner. Die Liebe zum Ikarus ist geblieben.
Jörg Steingraf besitzt noch einen zweiten Oldtimer, einen Ikarus 256. Mit diesem Bus fahren die beiden Freunde zusammen mit einer zwölfköpfigen Gruppe von Donnerstag bis Sonntag zu einem großen Ikarus-Treffen nach Tapolca im Südwesten Ungarns, nahe dem Balaton. 1200 Kilometer liegen vor ihnen, 18 Stunden Fahrzeit. Bereits zum dritten Mal nehmen die Oldtimer-Fans an diesem besonderen Treffen teil. Sie fahren auch zu Ikarus-Treffen in Deutschland, wie vergangenes Jahr nach Meiningen oder nächstes Jahr nach Dresden. So findet sich für Wilfried Wachs immer wieder eine Gelegenheit, sich hinters Steuer eines Busses zu setzen.



