Die junge Deutsche Savita Wagner kämpfte als Frontsanitäterin für die Ukraine, bis sie von einem Granatsplitter getötet wurde. Jetzt ist ihr Tagebuch erschienen, herausgegeben von ihrer Mutter Ula Wagner. Die Geschichte einer Frau, die aus freien Stücken in die Hölle ging.
Die Nachricht vom Tod
Als Ula Wagner die Nachricht erhielt, dass ihre Tochter an der ukrainischen Front gefallen war, glaubte sie zunächst an ein Missverständnis. Sie wusste, dass Savita als deutsche Freiwillige in der ukrainischen Armee diente, aber nur als medizinische Assistentin, 50 Kilometer von der Front entfernt. Doch die Wahrheit war eine andere: Savita war als Frontsanitäterin im Einsatz, immer dort, wo es am gefährlichsten war. Am 31. Januar 2024 versuchte sie, zwei verletzte Soldaten zu bergen, als ein Granatsplitter ihre Halsschlagader durchbohrte. Einen Tag zuvor hatte ein Splitter sie nur knapp verfehlt. „Ich habe so viel Glück wie kein anderer Mensch auf dieser Welt!“, schrieb sie in ihr Tagebuch – als letzten Satz. Sie wurde 36 Jahre alt.
Aus der heilen Welt in den Krieg
Für Savita Wagner war das Leben an der Front „die Hölle“, aber eine selbst gewählte. Sie stammte aus einer behüteten Kindheit in Bonn, wo ihre Mutter Ula lebt. Nach dem Abitur studierte sie Medizin, brach ab und begann ein Mathematikstudium in Halle. Sie heiratete den Kanadier Karl Stenerud, der als Softwarespezialist nach Deutschland zog. Der Angriff Russlands auf die Ukraine am 24. Februar 2022 veränderte alles. „Ihr Haus wurde angegriffen, Europa wurde überfallen. Freiheit und Demokratie standen auf dem Spiel“, erklärt Ula Wagner die Motivation ihrer Tochter. Savita meldete sich zunächst als Fahrerin für Hilfsgütertransporte, doch nach einem Besuch in Butscha, wo sie die Leichen eines Massakers sah, entschied sie sich für eine militärische Ausbildung und ging als Sanitäterin an die Front. Ihr Kampfname: „Snake“.
Das Leben an der Front
In ihrem Tagebuch beschreibt Savita die ständige Kälte, Feuchtigkeit und die allgegenwärtigen Insekten und Spinnen. Sie hatte Angst, verletzt oder gefangen genommen zu werden, aber nicht davor, im Kampf zu sterben. In gefährlichen Situationen fokussierte sie sich vollkommen – eine Eigenschaft, die sie auf ihren Autismus zurückführte. „Ich 'fühle' nichts, solange ich ein Ziel vor Augen habe. Ich weiß nicht, ob das Professionalität ist oder eine autistische Eigenschaft. Auf jeden Fall bin ich glücklich, dass mein Gehirn so arbeitet“, schrieb sie.
Die Mutter ahnte nichts
Ula Wagner, eine Verwaltungsfachfrau im Ruhestand, wusste nichts von den wahren Gefahren. Savita schickte ihr ein Video von einem angeblichen Standort in einer Arztpraxis, weit weg von der Front. Ihre Mutter nahm es ihr nicht übel: „Sie hat das getan, um mich zu schützen. Ich hätte sonst kein Auge mehr zugetan.“ Als Ula Wagner ihren Besuch ankündigte, bekam Savita Panik – sie hatte keine Adresse außer einem Schützengraben. Sie trafen sich im Januar 2024 in Kiew. Ula Wagner bemerkte, wie sehr ihre Tochter sich verändert hatte: „Ihre Augen hatten eine Tiefe, die vorher nicht da war. Heute ist mir klar, warum. Diese Augen haben Dinge gesehen, die man nicht sehen will.“
Vermächtnis und Erinnerung
Savita rettete viele Leben, die genaue Zahl ist unbekannt. Sie erhielt vier Tapferkeitsmedaillen, die nun im Haus der Geschichte in Bonn ausgestellt sind, zusammen mit ihrem Helm, ihren Stiefeln, ihrer Feldjacke und ihrem Tagebuch. Das Tagebuch ist als Buch unter dem Titel „Eine Deutsche im Ukraine-Krieg“ erschienen. Ula Wagner gründet eine Stiftung, die unter anderem Hilfsprojekte in der Ukraine unterstützt. „Es ist mir wichtig, dass sie nicht vergessen wird“, sagt sie. Was würde Savita dazu sagen? „Mama, machst du richtig.“



