Seit 24 Jahren gehört Jens Spahn dem Bundestag an, und seit einem Jahr ist er Chef der CDU/CSU-Fraktion. An diesem Nachmittag stellt er sich den 208 Abgeordneten von CDU und CSU zur Wiederwahl. Im Gegensatz zu anderen Bundestagsfraktionen wählt die Union ihre Führung nicht erst zur Mitte der Legislaturperiode neu, sondern bereits nach zwölf Monaten. Danach bleibt sie jedoch bis zur nächsten Bundestagswahl im Amt – also drei Jahre, sofern die schwarz-rote Koalition hält.
Spahn über seine Rolle als Fraktionschef
Seinen Job beschreibt Jens Spahn als „Knorpel sein“. Als Chef der größten Koalitionsfraktion müsse er Druck von mehreren Seiten abfedern – aus der Regierung, der Partei und der eigenen Fraktion. „Eine Aufgabe ist es, das alles in Balance zu bringen, auszugleichen oder auch durchzubringen am Ende und dem Druck standzuhalten“, sagte er Anfang April im Podcast „mayway“. Die ersten Monate seien sehr „intensiv“ gewesen. „Aber unter dem Strich war das schon okay.“
Erfahrung und Werdegang
Mit 45 Jahren liegt Spahn zwar noch zwei Jahre unter dem Durchschnittsalter im Bundestag, zählt aber zu den erfahrensten Parlamentariern. 2002 wurde er mit 21 Jahren als damals jüngster Abgeordneter der Union in den Bundestag gewählt, dem er nun fast ein Vierteljahrhundert angehört – mehr als sein halbes Leben. Von 2017 bis 2021 war er Gesundheitsminister unter Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Nach dem Wahlsieg der Union im vergangenen Jahr war er auch als Wirtschaftsminister im Gespräch, doch Merz machte ihn zum Fraktionschef – ein Posten, der im Gesamtgefüge der Koalition deutlich mächtiger ist.
Herausforderungen in der ersten Amtszeit
Seine erste Amtszeit begann holprig. Das Platzen der Wahl der Rechtswissenschaftlerin Frauke Brosius-Gersdorf zur Richterin am Bundesverfassungsgericht wurde ihm angelastet, weil er den Widerstand in der eigenen Fraktion nicht rechtzeitig erkannte. Er beschreibt diesen 10. Juli 2025 als einen der beiden „heftigsten“ Tage seiner politischen Karriere – neben einer Situation während der Corona-Krise, als er massiv unter Druck geriet. Aus der Bahn werfen lässt sich Spahn von solchen Ereignissen jedoch nicht. Auch nicht von der Affäre um Maskenkäufe in seiner Zeit als Gesundheitsminister, die ihn bis in diese Legislaturperiode verfolgte. „Es braucht ziemlich viel, um mich umzuhauen“, sagt der CDU-Politiker.
Die Nagelprobe: Rentenstreit
Die wohl schwierigste Nagelprobe hatte er im Herbst zu meistern, als die Junge Union den Aufstand gegen das Rentengesetz von SPD-Arbeitsministerin Bärbel Bas probte. Merz zeigte sich trotzig und ging auf Konfrontationskurs. Spahn musste die notwendigen Stimmen organisieren und nahm sich jeden einzelnen der jungen Rebellen in seiner Fraktion vor. Medienberichten zufolge soll er dabei nicht gerade zimperlich vorgegangen sein und mit dem Entzug von Listenplätzen gedroht haben. „So konkret habe ich das nicht“, sagte Spahn selbst dazu. „Ich führe einfach freundliche, klare Gespräche, ich drohe nicht.“ Es sei aber klar, dass „über Szenarien und Konsequenzen“ gesprochen werde.
Vom Wackelkandidaten zum Stabilitätsanker
Nach den schwierigen ersten Monaten hat sich Spahn gefangen, sein Rückhalt in der Fraktion gilt inzwischen als stabil. Er tritt heute deutlich befreiter auf als in der Startphase der Koalition und lässt sich viel häufiger im Fernsehen blicken. Während er anfangs als der Wackelkandidat im Team Union galt, sieht er sich nun selbst als „Stabilitätsanker“ der Koalition – zusammen mit SPD-Fraktionschef Matthias Miersch, wie er der „Süddeutschen Zeitung“ im Doppelinterview mit ihm sagte.
Schwäche des Kanzlers stärkt Spahn
Dass Spahn die Kurve gekriegt hat, hängt auch damit zusammen, dass sein Parteichef und Bundeskanzler die entgegengesetzte Entwicklung durchgemacht hat. Merz konnte sich anfangs vor allem als schneidiger „Außenkanzler“ profilieren, der Deutschland zu neuem Ansehen in der Welt verhilft. Zum ersten Jahrestag seiner Koalition ist er jedoch sowohl innen- als auch außenpolitisch kräftig ins Schlingern geraten. Die Schwäche des Kanzlers und die Zweifel am Funktionieren der Achse zwischen Merz und seinem Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD) lassen das Gewicht von Spahn und Miersch wachsen.
Vorbehalte beim Koalitionspartner
Vorbehalte beim Koalitionspartner gegenüber Spahn bleiben jedoch. Der CDU/CSU-Fraktionschef gilt als derjenige aus der Führungsriege, dem am ehesten zugetraut wird, die Tür zur AfD einen Spalt zu öffnen. Öffentliche Zuckungen in diese Richtung gab es bei ihm allerdings bisher nicht.
Pragmatischer Ansatz: „Muss“
Spahn hat einen recht pragmatischen Ansatz, wenn es um die schwierige Situation der Koalition geht. Er beschreibt ihn gerne westfälisch knapp mit nur einem Wort: „Muss.“ Gerade in diesem verflixten ersten Jahr von Schwarz-Rot hilft dem Chef der größeren Regierungsfraktion dies als Richtschnur. „Es muss gehen, dass die Koalition zusammenarbeitet“, sagt er im Podcast „mayway“. „Selbst wenn es hart ist und nervt und mühsam ist: Es muss gehen.“
Ausblick auf die Wahl
Wie groß sein Rückhalt in der Fraktion tatsächlich ist, wird sich heute Nachmittag zeigen. Ein ordentliches Wahlergebnis gilt schon deshalb als wahrscheinlich, weil die Unionisten ihren Anführer wohl kaum angeschlagen in den Ring mit der SPD schicken werden, wenn es um die zentralen Reformthemen Steuer und Rente geht. Bei der letzten Wahl kam Spahn auf 91,3 Prozent. Auf die Frage, ob auch diesmal die 9 vorne stehen muss, sagte er kürzlich nur, er freue sich „auf ein gutes Ergebnis“.



