Wieder einmal wollen die Innenminister – wer von denen ist eigentlich regelmäßig im Stadion – die Sicherheitsmaßnahmen in Deutschlands Arenen verschärfen. Völlig unnötig, meint unser Autor.
Rückblende in die Vergangenheit
Rückblende, Fußball-Bundesliga-Saison 1978/79, Weserstadion in Bremen: Ein kleiner Junge steht mit grün-weißem Schal auf der Nordgerade unten am Zaun, wenige Meter nur vom grünen Rasen entfernt, auf dem die Helden der Kindheit um jeden Grashalm kämpfen. Eintrittspreis übrigens: 5 Mark.
Gegenwart, Fußball-Bundesliga-Saison 2025/26, Weserstadion in Bremen: Mittlerweile sitzt der kleine Junge als älterer Herr auf grünen Schalensitzen, genießt immer noch die leidenschaftliche Atmosphäre eines Live-Spiels vor Ort – und fiebert auch immer noch mit den grün-weißen Jungs mit.
Fahrradfahrt über den Alexanderplatz ist gefährlicher
Fast 50 Jahre und hunderte von Stadionbesuchen liegen zwischen den beiden Fußballspielzeiten – der Volkssport Nummer 1 hat sich grundlegend verändert, auf und neben dem Platz. Eines aber ist geblieben: Weder der kleine Junge noch der ältere Herr haben je Angst um Gesundheit oder gar das Leben beim Besuch eines Fußballspiels gehabt. Der kleine Junge hatte früher beispielsweise Angst, wenn einer seiner Kumpels auf die glorreiche Idee kam, ihm in der Silvesternacht einen glimmenden Knallkörper in die Kapuze der Winterjacke zu legen. Der ältere Herr überlegt sich heute beim Fahrradfahren, ob es sinnvoll ist, zum nächsten Termin über den Alexanderplatz zu radeln oder lieber doch den – zeitraubenden – längeren Weg zu wählen, um Berlins Kriminal-Hotspot zu entgehen.
Ja, Angst ist und bleibt subjektiv – so wie dieser Kommentar. Ja, es gibt Gewalt bei Fußballspielen vor und im Stadion. Ja, die Sicherheit bei Fußballspielen und überhaupt bei Massenveranstaltungen, bei denen tausende von Menschen aufeinandertreffen, ist ein großes und kontroverses Thema. Ja, die angemessene Präsenz von Polizei und Sicherheitskräften ist zweifellos notwendig.
Aber Nein, wenn deutsche Innenpolitiker und ganze Innenministerien der Meinung sind, das Fußballstadion zu einem Hochsicherheitstrakt mutieren zu lassen – mit Gesichtsscanner und personalisierten Tickets. Den ständigen Forderungen nach verschärften Sicherheits- und Überwachungsmaßnahmen steht der Jahresbericht 2024/25 der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze entgegen. Für die Saison dokumentiert er einen Rückgang der im Zusammenhang mit Fußballspielen der ersten drei Profiligen verletzten Personen um 17,2 Prozent bei gleichzeitig auf über 25 Millionen gestiegenen Zuschauerzahlen. Objektive Daten.
Fußballspiele sind im Stadion sozialer Kitt
Warum sind die deutschen Fußballstadien so voll und größtenteils ausverkauft? Weil die Besucher Angst haben und um ihre Sicherheit fürchten? Nein, weil der Besuch eines Fußballspiels sozialer Kitt und ein (Familien-)Event ist – mit Spaß, Leidenschaft, Spannung und Bratwurst. Letztere schmeckte im Übrigen vor 50 Jahren besser, findet der ältere Herr. Ganz subjektiv natürlich. Bratwurstpreis übrigens: 5 Euro.



