Ex-EU-Kommissar mit 93 Jahren wegen Lumumba-Mordes vor Gericht
Ex-EU-Kommissar mit 93 Jahren vor Gericht

Historischer Prozess: 93-jähriger Ex-EU-Kommissar wegen Kriegsverbrechen angeklagt

In Brüssel steht ein historischer Strafprozess bevor, der die koloniale Vergangenheit Belgiens erneut in den Fokus rückt. Der 93-jährige ehemalige EU-Kommissar Étienne Davignon muss sich wegen schwerer Kriegsverbrechen vor Gericht verantworten. Die Anklage wirft dem einstigen belgischen Spitzendiplomaten vor, im Jahr 1961 eine Rolle bei der Ermordung des ersten kongolesischen Premierministers Patrice Lumumba gespielt zu haben.

Ratskammer entscheidet über Prozess gegen Davignon

Mitte März fällte die Brüsseler Ratskammer die wegweisende Entscheidung: Étienne Davignon muss sich einem Strafverfahren stellen. Die Staatsanwaltschaft hatte zuvor einen entsprechenden Antrag gestellt, der nun bewilligt wurde. Die konkreten Vorwürfe umfassen bestimmte Formen der Beteiligung an Kriegsverbrechen sowie unrechtmäßige Freiheitsberaubung. Gegen diese Entscheidung hat Davignons Verteidigung umgehend Berufung eingelegt, wie sein Anwalt Johan Verbist gegenüber der belgischen Nachrichtenagentur Belga bestätigte.

Die Verteidigung hat ihre Argumente für die Berufung noch nicht detailliert ausformuliert, doch der Fall verspricht, ein juristisches und historisches Großereignis zu werden. Étienne Davignon, der das Amt des EU-Kommissars von 1977 bis 1985 ausübte, gehört zu den letzten noch lebenden Personen, die mit den Ereignissen um Lumumbas Tod in Verbindung gebracht werden.

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Historischer Hintergrund: Belgische Kolonialherrschaft im Kongo

Die Anklage bezieht sich auf Ereignisse, die tief in der brutalen Kolonialgeschichte Belgiens verwurzelt sind. Unter König Leopold II. herrschte Belgien mit grausamsten Methoden im Kongo. Nach der Unabhängigkeit des Landes im Jahr 1960 wurde Patrice Lumumba zum ersten Premierminister gewählt. Seine Ermordung im Januar 1961 gilt als eines der dunkelsten Kapitel der postkolonialen Geschichte.

Internationale Untersuchungen deuten darauf hin, dass sowohl belgische als auch US-amerikanische Stellen in den Tod Lumumbas verwickelt gewesen sein könnten. Vor etwa fünfzehn Jahren reichte ein Sohn Lumumbas eine Klage gegen rund ein Dutzend Belgier ein, die mutmaßlich mit dem Verbrechen in Verbindung standen. Von allen damals Beschuldigten ist Étienne Davignon der einzige, der heute noch lebt.

Juristische und historische Bedeutung des Falls

Der Prozess gegen Davignon ist nicht nur ein strafrechtliches Verfahren, sondern auch eine historische Aufarbeitung. Er wirft ein Schlaglicht auf die anhaltenden Folgen der Kolonialzeit und die Frage nach späten Gerechtigkeitsprozessen. Die belgische Justiz stellt sich damit der Herausforderung, Ereignisse aufzuarbeiten, die mehr als sechs Jahrzehnte zurückliegen.

Die Entscheidung der Ratskammer markiert einen bedeutenden Schritt in der juristischen Aufarbeitung von Kolonialverbrechen. Unabhängig vom Ausgang des Prozesses wird der Fall bereits jetzt als historisches Zeugnis für die langen Schatten der Vergangenheit gewertet. Die internationale Gemeinschaft verfolgt die Entwicklungen in Brüssel mit großem Interesse.

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