Historischer Machtwechsel in München: Grünen-Kandidat Krause gewinnt OB-Stichwahl
Bei der Oberbürgermeister-Stichwahl in München hat der Grünen-Kandidat Dominik Krause einen deutlichen Sieg errungen. Nach Auszählung aller Stimmen entfielen 56,4 Prozent auf Krause, während Amtsinhaber Dieter Reiter (SPD) 43,6 Prozent der Stimmen erhielt. Die Wahlbeteiligung lag mit 44,5 Prozent deutlich unter der des ersten Wahlgangs.
Reiters Rückzug und Instagram-Löschung
Noch am Wahlabend zeigte sich der unterlegene Dieter Reiter sichtlich betroffen. Vor seinen Parteikollegen erklärte er: "Ein bitterer Abend für mich heute. Ich hab's verbockt. Es ist meine Schuld." Der langjährige Oberbürgermeister kündigte das Ende seiner politischen Karriere an. Bereits am Montag nach der Wahl war sein Instagram-Account nicht mehr aufzufinden - Reiter hatte ihn offensichtlich gelöscht.
Wahlverlauf und regionale Unterschiede
Die Auszählung zeigte interessante Unterschiede zwischen Urnen- und Briefwahl:
- Bei der Urnenwahl erreichte Krause 59,1 Prozent gegenüber 40,9 Prozent für Reiter
- Die Briefwahl fiel mit 54,6 Prozent zu 45,4 Prozent knapper aus
- Reiter konnte sieben Stadtbezirke für sich entscheiden, darunter Aubing-Lochhausen-Langwied und Feldmoching-Hasenbergl
- Krause erzielte sein bestes Ergebnis in der Schwanthalerhöhe mit 72,6 Prozent
Reaktionen aus Politik und Gesellschaft
Der frisch gewählte Oberbürgermeister Dominik Krause zeigte sich bei seiner Wahlparty in der Muffathalle überwältigt: "Vielen Dank München für das große Vertrauen, ich fühle mich sehr geehrt." Er dankte auch seinem Kontrahenten für einen fairen Wahlkampf.
Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, gratulierte Krause zu seinem "bemerkenswerten Wahlerfolg" und betonte seine langjährige Verbundenheit mit der jüdischen Gemeinschaft. Gleichzeitig würdigte sie Reiters Verdienste für die Stadt.
Koalitionsverhandlungen beginnen
Bereits am Wahlabend kündigte Krause an, zunächst mit der SPD als bisherigem Koalitionspartner Gespräche zu führen. Grundsätzlich wolle man aber mit allen demokratischen Parteien sprechen. Der unterlegene CSU-Kandidat Clemens Baumgärtner forderte indes ein grün-schwarzes Bündnis im Rathaus.
SPD-Fraktionschefin Anne Hübner zeigte sich betroffen: "Noch nie hat es so weh getan wie heute." CSU-Fraktionschef Manuel Pretzl mahnte den neuen Oberbürgermeister, seine Wahlversprechen ernst zu nehmen und die Interessen aller Bürger zu vertreten.
Niedrige Wahlbeteiligung als Signal
Mit nur 44,5 Prozent lag die Wahlbeteiligung deutlich unter der des ersten Wahlgangs (52,3 Prozent). Besonders auffällig war der Vergleich zur letzten OB-Stichwahl 2020, als noch 50,7 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgaben. Die Briefwahlquote lag bei 61,1 Prozent.
Der Wahlkampf war in den letzten Wochen von einer deutlichen Aufbruchstimmung geprägt, wie Krause betonte: "Die Leute haben teilweise von der anderen Straßenseite rübergerufen 'Jetzt packmas', 'Jetzt bewegen wir wieder was in München'."
Mit diesem Wahlergebnis endet eine zwölfjährige Ära unter SPD-Führung in München. Die Grünen übernehmen erstmals das Oberbürgermeisteramt in der bayerischen Landeshauptstadt und stehen vor der Herausforderung, ihre Versprechen für eine sozial gerechtere und ökologischere Stadt umzusetzen.



