SPD-Bürgermeisterin Verena Dietl: München hätte eine Oberbürgermeisterin verdient
Bei der anstehenden Oberbürgermeisterwahl in München dominieren männliche Kandidaten das Feld – von 13 Bewerbern sind zwölf Männer. Die SPD-Politikerin Verena Dietl, seit 2020 Dritte Bürgermeisterin der Stadt, äußert sich im Gespräch mit der AZ kritisch zu dieser Schieflage und den anhaltenden Herausforderungen für Frauen in der Politik.
Frauen werden in der Gesellschaft zurückgedrängt
Verena Dietl betont, dass Parteien zwar autonom über ihre Kandidaten entscheiden, aber ein genereller gesellschaftlicher Trend zu beobachten sei: "Wir spüren insgesamt in der Gesellschaft gerade, dass Frauen wieder zurückgedrängt werden." Sie fordert einen verstärkten Kampf für Gleichberechtigung, auch in Bereichen, die bereits als erkämpft galten. Die gegenseitige Stärkung von Frauen sei dabei umso entscheidender.
Strukturelle Nachteile und der Alltag im Rathaus
Als einzige Frau in der Münchener Stadtspitze erlebt Dietl täglich die Hindernisse, die Karriere und Familie vereinbaren sollen. "Leider sind die Strukturen nicht nur im Rathaus noch so, dass sich Karriere und Familie nicht immer gut vereinbaren lassen, wenn die Kita um 17 Uhr zumacht." Zwar habe sich die Situation im Rathaus leicht verbessert, doch ihre Aufgabe sehe sie darin, weibliche Perspektiven einzubringen und Frauen zu ermutigen, ihre Stimme zu erheben – selbst nach Zurückweisungen durch männliche Kollegen.
Dietl berichtet von eigenen Erfahrungen mit Vorurteilen: "Frauen müssen immer 200 Prozent geben. Als Frau wird man mehr infrage gestellt, schneller kritisiert." Ihr Politikstil, der auf Nähe und direkten Dialog setze, werde oft unterschätzt. Sie bevorzugt runde Tische statt konfrontativer Methoden: "Ich finde: Die Zeiten, in denen man auf den Tisch haut, sind vorbei."
Karriere mit Kindern und gesellschaftliche Denkmuster
Mit zwei Kindern kennt Dietl die Herausforderungen der Vereinbarkeit aus erster Hand. Nach der Geburt ihres jüngeren Kindes 2019 übernahm sie trotz Kritik den Fraktionsvorsitz der SPD – eine Entscheidung, die bei einem Mann kaum hinterfragt worden wäre. "Bis heute werde ich mindestens einmal die Woche gefragt: Wer kümmert sich denn um Ihre Kinder?" Ihr Partner habe acht Monate Elternzeit genommen, was damals eine Ausnahme gewesen sei. Sie kritisiert, dass Frauen sich oft selbst zu sehr infragestellen, während Männer selbstbewusster auftreten.
Ambitionen für das Oberbürgermeisteramt und Quoten-Debatte
Obwohl Dieter Reiter erneut kandidiert und Markus Söder die Altersgrenze aufgehoben hat, hegt Dietl langfristige Ambitionen: "Ich habe immer gesagt, dass ich mir irgendwann eine Kandidatur vorstellen kann." Sie betont, dass München eine Oberbürgermeisterin verdient habe und verweist auf ihre Wahl zur Ersatzkandidatin mit 100 Prozent der SPD-Stimmen.
Zur Frage von Frauenquoten äußert sich Dietl ambivalent: Eigentlich sollten sie überflüssig sein, doch die Realität zeige, dass sie noch nötig seien. "Leider erlebe ich den Alltag so, dass es ohne Quoten nicht funktioniert." Sie begrüßt, dass die SPD eine paritätische Liste hat und OB-Kandidaten eine Bürgermeisterinnenquote unterstützen.
Das Interview unterstreicht die anhaltenden Ungleichheiten in der Münchener Politik und Dietls Engagement für einen Wandel. Mit ihrer klaren Haltung setzt sie ein Zeichen für mehr weibliche Repräsentation in Spitzenpositionen.



