Der ehemalige deutsche Botschafter in Warschau und Moskau, Rüdiger von Fritsch, hat sein persönlichstes Buch veröffentlicht. In „Die Geschichte in mir“ zeichnet der 72-jährige Diplomat im Ruhestand die Lebenswege seiner Eltern und Großeltern vor, im und nach dem Zweiten Weltkrieg nach. Sein Vater war Mitglied der SS und bis zu seinem Tod 2006 überzeugter Nationalsozialist.
Warum dieses Buch?
Von Fritsch erklärt, dass er dieses Buch schon immer schreiben wollte. Die Frage, wie die Leben der Vorfahren sein eigenes Leben beeinflusst haben, habe ihn stets bewegt. Er möchte die Vergangenheit „aufheben“ – im Sinne von bewahren, sichtbar machen und negative Macht in positives Handeln umwandeln. Das Buch habe drei Ebenen: die Familiengeschichte, den Umgang damit und ein Plädoyer für einen aufrichtigen Umgang mit der Vergangenheit.
Schlüsselerlebnis: Briefmarken mit Hitler-Porträt
Der letzte Anstoß zum Schreiben war ein Fund in seinem Elternhaus in Schwäbisch-Gmünd. In einem alten Haushaltsbuch seiner deutsch-baltischen Großmutter, der „Redelien“, lagen zwischen Puddingrezepten Briefmarken mit dem Porträt Adolf Hitlers und dem Aufdruck „Ostland“ – Marken aus den besetzten Gebieten des Deutschen Reiches. Dies weckte Erinnerungen an Geschichten aus dem Baltikum und dem besetzten Litauen.
Der Vater: Überzeugter Nationalsozialist
Von Fritschs Vater war von 1941 bis 1944 im Generalkommissariat für Litauen Abteilungsleiter für Allgemeine und Innere Verwaltung in Kaunas. In dieser Zeit wurde die jüdische Bevölkerung in ein Ghetto gepfercht, ausgebeutet und ermordet. Der Sohn betont, dass sein Vater Teil eines verbrecherischen Systems war. Seine Aufgabe war zwar wohl eher banale Verwaltung, aber er hielt damit das System am Laufen. Das Verhältnis zum Vater beschreibt von Fritsch als widersprüchlich: Der Vater hielt an seinen Überzeugungen fest, verlangte aber keine Gefolgschaft und förderte den eigenen Weg seiner Kinder.
Prägung für die Diplomatenlaufbahn
Die Auseinandersetzung mit dem Vater half von Fritsch in seiner späteren Laufbahn, etwa als Botschafter in Moskau (2014-2019). Er konnte unerfreuliche Dinge klar benennen, wie die Annexion der Krim. Eine Episode: Ein russischer Vertreter rief ihm zu: „Herr Botschafter, Sie sind hier nicht in Warschau!“ – was zeige, dass man die Wahrheit nicht hören wolle.
Vertreibung und Versöhnung
Die Schicksale der vertriebenen Deutsch-Balten, wie seiner Großeltern, bedürften ebenso der Erinnerung wie die deutschen Verbrechen. Verstehen dürfe nicht mit Entschuldigen verwechselt werden. Das Gut Plonian in Litauen, ein Sehnsuchtsort seiner Kindheit, besucht er immer wieder. Er empfindet Sympathie für die Landschaft und die Menschen, die ihm von seinen Großeltern mitgegeben wurde.
Lehren für die Gegenwart
Auf die Frage, ob die Deutschen nichts gelernt hätten, angesichts der Umfrageerfolge der AfD, antwortet von Fritsch: Die Demokratie sei fragil und bedürfe der Verteidigung. Man dürfe nicht leichtfertig auf eine „starke Hand“ vertrauen. Es sei wichtig, die Probleme der Menschen zu lösen, damit sie die Demokratie schätzen.
Das Buch „Die Geschichte in mir. Eine deutsche Familie im 20. Jahrhundert“ ist bei Siedler erschienen und kostet 26 Euro. Am 12. Juni stellt der Botschafter a.D. das Buch im Bergson Kunstkraftwerk vor.



