Vom Schmähwort zur Machtstrategie: Die instrumentalisierte Opferrolle
Gil Ofarim hat es getan, Donald Trump praktiziert es regelmäßig und zahlreiche weitere öffentliche Persönlichkeiten bedienen sich dieser Taktik: Sie inszenieren sich gezielt als Opfer und ziehen daraus erheblichen Nutzen. Die Philosophin Maria-Sibylla Lotter erörtert im exklusiven SPIEGEL-Gespräch mit Laura Backes den fundamentalen Wandel des Opferbegriffes in der modernen Gesellschaft.
Die strategische Aneignung des Opferstatus
Professorin Lotter stellt fest: „Wir sind bei der Aufwertung des Opfers über das Ziel ihrer Selbstermächtigung hinausgeschossen.“ Was einst als stigmatisierendes Schmähwort galt, hat sich zu einem machtvollen Werkzeug der öffentlichen Inszenierung entwickelt. Prominente und Politiker nutzen die Zuschreibung der Opferrolle nicht mehr nur zur Legitimierung eigener Positionen, sondern auch zur Mobilisierung von Anhängerschaft und zur Abwehr von Kritik.
Dieser strategische Einsatz transformiert das Opfersein von einem passiven Erleiden in eine aktive Handlungsoption. Die Darstellung als Benachteiligter oder Ungerecht-Behandelter verleiht moralische Autorität und schafft narrative Kontrolle über öffentliche Diskurse.
Gesellschaftliche Implikationen und philosophische Einordnung
Maria-Sibylla Lotter analysiert, wie dieser Wandel tiefgreifende Auswirkungen auf demokratische Prozesse und gesellschaftlichen Zusammenhalt hat. Die inflationäre Beanspruchung des Opferstatus führt zu einer Relativierung echter Benachteiligungen und erschwert die Unterscheidung zwischen berechtigten Anliegen und strategischer Instrumentalisierung.
Die Philosophin warnt vor den langfristigen Konsequenzen: Wenn die Opferrolle primär als Mittel zum Machterhalt oder zur Imagepflege dient, verliert sie ihre transformative Kraft für tatsächliche gesellschaftliche Veränderungen. Dieser Trend untergräbt zudem das Vertrauen in öffentliche Debatten und fördert eine Kultur der gegenseitigen Beschuldigungen.
Historische Entwicklung und aktuelle Manifestationen
Der Diskurs über Opferschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten radikal gewandelt. Während marginalisierte Gruppen erfolgreich für die Anerkennung ihrer Leiden kämpften und damit wichtige Fortschritte in Gleichstellungsfragen erzielten, öffnete dieser Erfolg auch Tür und Tor für strategische Aneignungen.
Heute beobachten wir, wie die Inszenierung als Opfer quer durch politische Lager und gesellschaftliche Milieus zu einem verbreiteten Kommunikationsmuster geworden ist. Diese Entwicklung stellt etablierte Mechanismen der Konfliktlösung in Frage und erfordert neue Ansätze im Umgang mit öffentlichen Debatten.
Das vollständige Gespräch mit Maria-Sibylla Lotter bietet tiefere Einblicke in diese komplexe Thematik und beleuchtet mögliche Wege, mit den Ambivalenzen des modernen Opferdiskurses konstruktiv umzugehen.



