Russische Armee in Aufruhr: Telegram-Drosselung des Kremls behindert Kommunikation an der Front
Die russische Medienaufsicht hat am Dienstag den Zugang zum beliebten Messenger Telegram erschwert, was zu Verbindungsausfällen und Problemen beim Laden von Fotos und Videos führte. Dieser Schritt wird als Versuch gewertet, Nutzer in die staatlich kontrollierte App Max zu drängen. Für viele russische Bürger ist dies ein Problem, da sie über Telegram unzensierte Informationen abseits der Staatsmedien konsumieren. Auch die russischen Soldaten in der Ukraine sind nun offenbar betroffen.
Kreml-Sprecher widerspricht, doch Berichte zeigen anderes Bild
Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sagte auf Nachfrage, er könne sich nicht vorstellen, dass die Kommunikation an der Front über Telegram erfolge, räumte aber ein, kein Experte zu sein. Tatsächlich berichten mehrere Medien, dass Telegram sehr wohl an der Front verwendet wird. Das US-Institut für Kriegsstudien (ISW) und die britische Zeitung „The Telegraph“ haben Stimmen von russischen Militärbloggern und Kriegskorrespondenten gesammelt, die die Drosselung kritisieren.
Diese Kommentatoren stehen der Armee nahe, haben sich jedoch bereits in der Vergangenheit kritisch zu Entscheidungen der russischen Verwaltung geäußert. Einige zeigen sich nun über das Telegram-Problem verärgert, da die Drosselung die Kommunikation unter den russischen Soldaten behindert. Telegram wird offenbar für wichtige Absprachen im Krieg genutzt, ganz im Gegensatz zur Aussage von Peskow.
Wütende Reaktionen von Militärbloggern
Der russische Propagandist Alexander Sladkov sagte laut „The Telegraph“: „Der Westen hat uns mit dem Starlink-Ausfall bereits zwei Tage lang ausgeknockt, und jetzt begraben wir auch diesen Kommando- und Kommunikationskanal.“ Er spielte damit auf Maßnahmen des US-Raumfahrtkonzerns SpaceX an, Russlands Zugang zur Satellitenverbindung Starlink zu erschweren. Sladkov fügte hinzu: „Wie genau sollen wir jetzt also gewinnen, mit welchen Werkzeugen? Mit Erdnüssen und TA-57-Telefonen?“ Der TA-57 ist ein Feldfernsprecher aus der 1991 aufgelösten Sowjetunion.
Ein anderer Militärblogger fragte ironisch, was russische Soldaten denn sonst nutzen würden, wenn nicht Telegram. Etwa „Brieftauben“? Diese Kommentare unterstreichen die Frustration über die Drosselung, die die militärische Effizienz beeinträchtigen könnte.
Praktische Nutzung von Telegram im Krieg
Dem „The Telegraph“-Bericht nach wird die in Russland entwickelte App von der Armee unter anderem zur Weitergabe von Zieldaten genutzt. Die Militärgeheimdienste geben die Informationen an die Artillerie und die Luftwaffe weiter und umgehen damit die offiziellen Befehlsketten. Auf einem laut Selbstbeschreibung „persönlichen Kanal eines russischen Soldaten“ wird die Abhängigkeit von Telegram mit einem Praxisbeispiel beschrieben.
Im Beispiel entdeckt eine russische Einheit zur Luftaufklärung ein ukrainisches Ziel in einem Versteck. Bereits fünf Minuten später werden die Zielkoordinaten und ein Video in einem geheimen Telegram-Chat geladen. In der Chat-Gruppe sind Drohnenpiloten, Aufklärer und Artilleristen. 20 Minuten nach Sichtung führt eine russische Drohne den ersten Angriff auf das Ziel aus. 40 Minuten nach Sichtung „fängt es Feuer“.
Historische Abhängigkeit von externen Diensten
Wie bereits 2024 deutlich wurde, war die russische Armee auch von einem anderen externen Kommunikationsanbieter abhängig: Discord, ein ursprünglich für Videospieler entwickelter Dienst für Audio- und Videokonferenzen. Wegen einer angekündigten Sperre gab es auch hier Unmut. Dass die Verwendung von Messengern im Krieg zum Problem werden kann, wenn sie nicht den militärischen Vorgaben für eine sichere Kommunikation entsprechen, steht außer Frage.
Die Ukraine erließ 2024 ein Telegram-Verbot unter anderem für Militärangehörige, sofern es nicht um die private Nutzung und bestimmte Aufgaben geht. Dies zeigt, wie kritisch solche Dienste in Konfliktsituationen sein können. Die aktuelle Drosselung in Russland unterstreicht diese Herausforderungen und könnte langfristige Auswirkungen auf die militärische Strategie haben.



