Der 18. März 1990: Als die DDR ihre letzte freie Wahl zur Selbstauflösung nutzte
18. März 1990: Die letzte freie Wahl der DDR und ihr Ende

Ein politisches Erdbeben: Die erste und letzte freie Wahl der DDR

Am 18. März 1990 erlebte die DDR ein historisches Ereignis, das als politisches Erdbeben in die Geschichte eingehen sollte. Mit einer Wahlbeteiligung von 93,4 Prozent gingen fast alle Berechtigten zu den Urnen – ein Wert, der bis heute in Deutschland unerreicht bleibt. Diese Wahl markierte den symbolischen Schlusspunkt der Friedlichen Revolution und war zugleich die erste und letzte freie Parlamentswahl im real existierenden Sozialismus. Doch im Jubel über die neu gewonnene Freiheit mischte sich bald Verwunderung: Warum entschieden sich die Menschen so eindeutig für die Allianz für Deutschland und damit für den Anschluss an das westdeutsche Modell, anstatt einen eigenen, dritten Weg zu wählen?

Medienereignis mit Mondlandungs-Dimension

In den späten Abendstunden wurde der Palast der Republik zum Zentrum der Aufmerksamkeit. Unter grellem Fernsehlicht und vor Dutzenden Kamerateams wartete man gespannt auf die ersten Prognosen. 50 Sender berichteten live, Hunderte Ü‑Wagen standen Seite an Seite – ein Medienereignis, das in seiner Dimension mit der Mondlandung verglichen wurde. Es sollte die längste Live-Übertragung in der Geschichte des DDR-Fernsehens werden. Zu diesem Zeitpunkt war noch völlig unklar, welche Folgen das Wahlergebnis für den weiteren politischen Prozess haben würde.

Wahlkampf mit westlichen Geldern und östlichen Hoffnungen

Der Wahltermin war um Wochen vorgezogen worden, die Unsicherheit in der Bevölkerung war riesig. Plötzlich war erlaubt, was 40 Jahre lang verboten gewesen war: echte politische Konkurrenz. 24 Parteien standen auf den Stimmzetteln, darunter alte Blockparteien, neue Bündnisse und Bürgerbewegungen wie Bündnis 90. Doch den Ton bestimmten bald andere Akteure – aus Bonn und München. Die Allianz für Deutschland, ein Bündnis aus der CDU Ost, der CSU-nahen DSU und dem kirchlichen Demokratischen Aufbruch, verfügte über kaum erprobte Strukturen. Doch der Westen half kräftig nach:

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  • Tonnenweise wurden Plakate, Drucker, Lautsprecheranlagen und Redner über die Grenze gebracht.
  • Hessische CDU-Teams klebten in Erfurt über Nacht 80.000 Plakate.
  • Bundeskanzler Helmut Kohl tourte durch den Osten – von Erfurt bis Chemnitz – und versprach die schnelle D‑Mark, Wohlstand und Sicherheit.

Die Angst vor dem falschen Morgen und der Wandel der Stimmung

Viele DDR-Bürger waren 1989 noch auf Reformkurs gewesen. Im November des Jahres sprachen sich 86 Prozent für einen besseren Sozialismus aus. Doch der Wind drehte sich rasch: Die Wirtschaft kollabierte, täglich flohen Tausende in den Westen. Das Volk rief bald nicht mehr Wir sind das Volk, sondern Wir sind ein Volk. In diesem Klima erschien Kohls Versprechen von Einheit und D-Mark als rettende Lebensleine. Die SPD unter Ibrahim Böhme verlor dagegen an Glaubwürdigkeit – nicht zuletzt durch interne Wirren und später enttarnte Stasi-Verstrickungen. Oskar Lafontaine, im Westen Kanzlerkandidat, verunsicherte viele mit seiner Skepsis gegenüber einer raschen Wiedervereinigung. Die PDS als Nachfolge der SED stand ohnehin unter Generalverdacht. Und die Bürgerrechtsbewegungen wirkten im Vergleich zum professionellen Auftreten der West-Parteien wie moralische Idealisten ohne praktische Mittel.

Historische Wahlbeteiligung und ein überwältigendes Ergebnis

Am Wahlsonntag herrscht T‑Shirt-Wetter, es war der wärmste 18. März seit Beginn der Aufzeichnungen. Vor den Wahllokalen bildeten sich lange Schlangen, jeder spürte, dass es um alles ging. Als am Abend die Prognosen eintrafen, staunten selbst die Gewinner: 48,1 Prozent für die Allianz für Deutschland, 21,9 Prozent für die SPD und 16,4 Prozent für die PDS. Die einst belächelte CDU Ost stellte plötzlich den Ministerpräsidenten – Lothar de Maizière. Der Schriftsteller Stefan Heym sagte an diesem Abend prophetisch: Die DDR wird nichts sein als eine Fußnote der Weltgeschichte. Binnen sieben Monaten löste sich die DDR tatsächlich auf und trat am 3. Oktober 1990 der Bundesrepublik bei.

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Regionale Unterschiede: Der Norden wählt mit Herz und Bauch

Auch in den Nordbezirken, dem späteren Mecklenburg‑Vorpommern, zeigte sich, wie groß die Sehnsucht nach Stabilität war – und wie unterschiedlich die alten Bezirke wählten:

  1. Im Bezirk Neubrandenburg wurde die CDU mit 36,0 Prozent stärkste Kraft, gefolgt von der PDS mit 25,8 Prozent und der SPD mit 21,2 Prozent.
  2. Etwas ausgeglichener war das Bild im Bezirk Rostock: Die CDU erreichte 34,3 Prozent, knapp vor der SPD mit 24,8 Prozent und der PDS mit 23,2 Prozent.
  3. Im Bezirk Schwerin holte die CDU sogar 39,8 Prozent, die SPD kam auf 25,4 Prozent und die PDS auf 17,8 Prozent. Damit spiegelte Schwerin ziemlich genau den gesamtdeutschen Trend wider: eine klare Hinwendung zu Kohl und seinen Versprechen.

Auffällig war, dass das Bürgerbündnis 90 und die Grünen im Norden ebenso marginal blieben wie bundesweit. Die Revolutionäre von gestern hatten bei dieser Wahl das Nachsehen.

Westliche Wahlhilfen und die Debatte um Fairness

Rund 40 Millionen D-Mark sollen aus westdeutschen Parteikassen in den Wahlkampf geflossen sein. Manche Historiker sprechen rückblickend von einem importierten Demokratie‑Turbo – einem Prozess, in dem westdeutsche Wahlkampferfahrung und Ressourcen die politische Entwicklung der DDR entscheidend beschleunigten. Der CDU-Wahlkampf war bis ins Detail durchorganisiert, mit Kreisparteien, Werbematerial und Bühnenlicht. Egon Bahr, Architekt der Ostpolitik, nannte den Wahlkampf später höchst unfair und faschistoid, Bürgerrechtler Jens Reich machte exportierte Westwahlen daraus. Und doch: Niemand zwang die 11,5 Millionen Wähler zu ihrer Entscheidung. Viele glaubten ehrlich an die Wiedervereinigung unter Gleichen, an ein sozialeres, vereintes Deutschland. Dass daraus eine Übernahme des einen durch den anderen wurde, ahnte nur eine Minderheit.

Ein Meilenstein mit ambivalentem Erbe

Die letzte Volkskammer tagte nur 38 Mal, verabschiedete in sechs Monaten über 160 Gesetze – darunter jenen Beitrittsbeschluss vom 23. August 1990, der die Einheit besiegelte. Unter den 400 Abgeordneten befanden sich spätere politische Größen wie Joachim Gauck, Till Backhaus und Harald Ringstorff aus Mecklenburg-Vorpommern. Rückblickend streiten Historiker bis heute: War der 18. März 1990 der Triumph der Demokratie – oder ihr erster Rückschlag im Osten? Er war beides. Die Wahl zeigte, dass Freiheit ohne Erfahrung anfällig für äußeren Einfluss ist. Doch sie zeigte auch den ungestümen Willen der Menschen, ihr Schicksal selbst zu bestimmen – wenigstens für einen Tag.

Drei Jahrzehnte später: Lehren und Narben

Am 18. März 2026 blickt Deutschland auf eine Wahl zurück, die mehr war als ein einfacher Urnengang. Sie war ein Bekenntnis zur Demokratie – und eine tiefe Zäsur. Viele Ostdeutsche empfanden den anschließenden Wandel als Überwältigung, nicht als Aufbruch. Der rasche Anschluss brachte Wohlstand, aber auch Entwurzelung. Darin liegt die eigentliche Ambivalenz des 18. März 1990: Die DDR wählte die Freiheit – und verlor sich am Ende selbst in den Strukturen der Bundesrepublik.