Landtagswahl in Baden-Württemberg: CDU kämpft gegen AfD und Unmut über Merz
Baden-Württemberg: CDU kämpft gegen AfD und Merz-Unmut

Landtagswahl in Baden-Württemberg: CDU kämpft an zwei Fronten

Die politische Landschaft in Baden-Württemberg steht vor einer entscheidenden Weichenstellung. Während die AfD in Umfragen hinter den Grünen liegt, hat die CDU die rechtspopulistische Partei zum Hauptgegner in der Landtagswahl am 8. März erklärt. Parallel dazu kämpfen die Christdemokraten gegen einen wachsenden Unmut über den Kurs von Bundeskanzler Friedrich Merz, der selbst in den eigenen Reihen für Enttäuschung sorgt.

Unmut in der Provinz: CDU-Kandidatin als Blitzableiter

In der „Gaststätte zum Stadion“ des TSV Crailsheim versammeln sich 13 junge Menschen zum Format „Pommes und Politik“. Die CDU-Landtagskandidatin Isabell Rathgeb, dreifache Mutter und Unternehmerin, hat Erstwähler eingeladen. Doch schnell wird deutlich, dass der Wahlkampf nicht nur auf Landesebene geführt wird.

Leon Linhardt, Kreisvorsitzender der Jungen Union Schwäbisch Hall, bringt die Stimmung auf den Punkt: Bei der Bundesregierung mit Kanzler Friedrich Merz sehe er nur „Stillstand, Streit und Symbolpolitik“. Der 22-Jährige, der einst für Merz „gekämpft“ habe, äußert sich „zutiefst enttäuscht und sogar erschüttert“. Seine Hoffnungen hätten sich nicht erfüllt.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Rathgeb versucht, den Unmut aufzufangen. Sie betont, man sei sich einig, dass einiges zügiger gehen müsse, und verteidigt Merz als „an der richtigen Stelle“, auch wenn er keine Wunder vollbringen könne. Die CDU-Bundestagsabgeordnete Ronja Kemmer aus Ulm verweist auf Erfolge wie gesenkte Asylbewerberzahlen und Entlastungen bei Energiepreisen, räumt aber ein: „Das reicht natürlich noch nicht.“

Umfragen trügerisch: CDU führt, aber AfD gewinnt an Boden

Die Ausgangslage scheint zunächst günstig für die Christdemokraten: Mit etwa 29 Prozent in aktuellen Umfragen liegen sie konstant vorn. Die Dominanz der Grünen, deren populärer Ministerpräsident Winfried Kretschmann aufhört, scheint gebrochen. Doch zuletzt haben die Grünen wieder auf 23 Prozent aufgeholt, während die AfD bei 20 Prozent steht.

CDU-Politikerin Kemmer warnt in Crailsheim: „Die Umfragen sind gut, aber Umfragen sind Umfragen.“ Man dürfe nicht davon ausgehen, dass „es die nächsten fünf Wochen einfach so durchläuft, sondern wir müssen wirklich hart kämpfen“.

Die strategische Ausrichtung ist klar: CDU-Frontmann Manuel Hagel hat die AfD zum politischen Hauptgegner erklärt. AfD-Spitzenkandidat Markus Frohnmaier wiederum zielt gezielt auf enttäuschte CDU-Wähler ab. Diese beidseitige Fokussierung hat handfeste Gründe: Bei vergangenen Wahlen gab es bundesweit starke Abwanderungen von der CDU zur AfD.

Hochburgen unter Druck: Schwäbisch Hall und Heilbronn

In Schwäbisch Hall, einer alten CDU-Hochburg, lagen die Christdemokraten bei der Bundestagswahl 2025 zwar vorn, doch die AfD verdoppelte ihr Ergebnis und rückte auf Platz 2 vor. In einzelnen Kommunen wie Crailsheim erreichte die AfD 29 Prozent – fast gleichauf mit der CDU. In manchen Stimmbezirken lag sie sogar vorn.

Ein besonderer Effekt kommt hinzu: Bei der Landtagswahl 2021 gewann eine Grünen-Kandidatin direkt. Viele enttäuschte CDU-Wähler waren damals zu den Grünen abgewandert. Nun herrscht viel Frust über die Grünen, doch unklar ist, ob die CDU ihre früheren Wähler zurückgewinnt oder ob diese zur AfD gehen. Deshalb gilt AfD-Direktkandidat Udo Stein als gefährlichster Konkurrent von Rathgeb.

Ähnlich ist die Situation in der alten CDU-Domäne Heilbronn, wo zuletzt ebenfalls eine Grünen-Kandidatin gewann. Dort kandidiert Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) und hofft auf den günstigen Landestrend. Doch auch hier erlebt die AfD einen Aufstieg.

AfD-Kandidat: „CDU selbst dafür verantwortlich, dass es AfD gibt“

Maximilian Decker, 38-jähriger Oberbrandmeister bei der Bundeswehr und AfD-Landtagskandidat in Heilbronn, steht am Infostand an der Kilianskirche. Der vierfache Familienvater, der früher CDU und „Mama Merkel“ wählte, ist 2023 zur AfD übergetreten.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

„Die CDU hat ihre Werte verraten“, sagt Decker. Sie breche ihr Wort und ihre Versprechen, was man gerade wieder im Bund sehe. „Die CDU ist selbst dafür verantwortlich, dass es die AfD gibt.“ An seinem Stand bleiben immer wieder Passanten stehen, nehmen blaue Lutscher, Gummibärchen oder Schlüsselanhänger mit und loben die politische Arbeit.

Eine 61-Jährige erklärt, sie und ihr Mann wählten die AfD, weil es inzwischen zu viele „Gäste“ gebe – womit Asylbewerber und Flüchtlinge gemeint sind. Eine andere Mutter beklagt, die anderen Parteien seien an der zunehmenden Altersarmut schuld. Decker wird vor allem auf die Migrationspolitik angesprochen, „weil die Menschen mehr Abschiebungen wollen“.

Konfrontationen im Wahlkampf

Der AfD-Kandidat berichtet von regelmäßigen Beschimpfungen und Beleidigungen im Vorbeigehen. Decker, der sich als ruhigen, freundlichen Mann beschreibt, schreitet ein, wenn es zu arg wird. „Ich bin gegen jede Form von Extremismus, egal ob von links oder rechts“, betont er. „Ich bin in vielen Bereichen vielleicht unkonventionell, aber ich bin kein Nazi und lasse mich auch nicht so bezeichnen.“

Am Donnerstagmittag kommt es zu einem Vorfall, den die Polizei Heilbronn bestätigt. Ein Lehrer sei mit vielen Schülern vorbeigekommen, habe auf einer Ukulele gespielt und gerufen: „Sei schlau, wähl‘ nicht die AfD.“ Decker stellte den Lehrer, bis die Polizei eintraf. Nun liege eine Anzeige wegen Verstoßes gegen die Neutralitätspflicht im Schuldienst vor.

Die Landtagswahl in Baden-Württemberg entwickelt sich zu einem Spiegelbild bundesweiter politischer Konflikte. Während die CDU versucht, ihre traditionelle Stärke zu bewahren, sieht sie sich gleichzeitig von zwei Seiten herausgefordert: von einer erstarkenden AfD, die gezielt enttäuschte Christdemokraten anspricht, und von wachsendem Unmut über die eigene Bundespartei. In Hochburgen wie Schwäbisch Hall und Heilbronn wird deutlich, dass der Ausgang der Wahl nicht nur über die Landespolitik entscheidet, sondern auch ein Stimmungsbild für die bundespolitische Lage liefern könnte.