Grünen-Parteitag in Berlin: Delegiertenversammlung statt erhoffter Großtreffen
Grünen-Parteitag: Delegiertenversammlung statt Großtreffen

Grünen-Parteitag in Berlin: Delegiertenversammlung statt erhoffter Großtreffen

Fünf Monate vor der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus am 20. September erlebten die Berliner Grünen einen kleinen Stimmungsdämpfer. Das erhoffte größte Parteitreffen aller Zeiten mit Tausenden Mitgliedern blieb aus – stattdessen kamen nach Angaben von Parteichefin Nina Stahr lediglich rund 950 Grüne ins Neuköllner Estrel Hotel.

Damit verfehlte die Öko-Partei deutlich ihr ambitioniertes Ziel: Eine basisdemokratische Bestimmung der Landesliste durch alle anwesenden Berliner Parteimitglieder wäre erst ab 2.625 Teilnehmern möglich gewesen, also 15 Prozent der 18.000 Mitglieder in der Hauptstadt. Stattdessen musste auf ein Delegiertenmodell zurückgegriffen werden, bei dem etwa 170 zuvor benannte Vertreter abstimmten.

Basisdemokratisches Ziel nicht erreicht

„Wir hätten uns mehr gewünscht, hätten gerne eine Mitgliederversammlung gemacht“, räumte Stahr gegenüber der Deutschen Presse-Agentur ein. „Aber es sind trotzdem so viele gekommen, die Stimmung ist toll.“ Diese positive Atmosphäre gebe Rückenwind für den anstehenden Wahlkampf, betonte die Parteichefin.

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Viele der angereisten Parteianhänger blieben dennoch vor Ort, um den zweitägigen Parteitag bis Sonntagabend zu verfolgen, obwohl sie nicht an den offiziellen Abstimmungen teilnehmen konnten.

Spitzenduo für die Landesliste gewählt

Die Delegierten bestimmten in digitalen Abstimmungen die Reihenfolge auf der Landesliste:

  • Bettina Jarasch erhielt 91,9 Prozent der Stimmen für Listenplatz eins
  • Werner Graf sicherte sich mit 85,8 Prozent Platz zwei

Diese ungewöhnliche Reihenfolge – obwohl Graf bereits im November 2025 als Grünen-Kandidat für das Amt des Regierenden Bürgermeisters gekürt wurde – erklärt sich aus der Parteisatzung: Für Frauen sind die ungeraden Listenplätze reserviert, Männer können nur für gerade Plätze kandidieren.

Klarer Kurs gegen die aktuelle Regierung

In seiner programmatischen Rede attackierte Graf die derzeitige Landesregierung scharf: „Es macht einen verdammt großen Unterschied, wer regiert“, betonte er. „Und genau deshalb will ich ins Rote Rathaus. Ich will Berlin nach vorn bringen, raus aus dem Rückwärts.“

Die Grünen setzen dabei auf folgende Kernthemen:

  1. Bezahlbare Wohnungen schaffen
  2. Den öffentlichen Personennahverkehr verbessernDie Berliner Kultur „wieder zum Strahlen bringen“
  3. Entschlossenen Kampf gegen rechtsextreme Strukturen

Bettina Jarasch warf dem amtierenden Regierenden Bürgermeister Kai Wegner (CDU) vor, sich nicht ausreichend um die Probleme der Berliner Bevölkerung zu kümmern. „Schwarz-Rot regiert diese Stadt wie eine Dauer-Ausrede“, kritisierte sie scharf.

Weitere Listenplätze vergeben

Der zweitägige Parteitag diente der Bestimmung von Kandidaten für insgesamt 50 Listenplätze. Besondere Aufmerksamkeit galt Platz drei, der für Grüne reserviert war, die bisher nicht im Abgeordnetenhaus sitzen:

  • Daniela Ehlers, Lichtenberger Kommunalpolitikerin, setzte sich klar durch
  • Gülsah Bayar vom Kreisverband Mitte unterlag trotz emotionaler Bewerbungsrede

Die weiteren vorderen Plätze belegten:

  1. Silke Gebel (Abgeordnete, Kreisverband Mitte)
  2. Klara Schedlich (Abgeordnete, Reinickendorf)
  3. Philmon Ghirmai (Co-Landesvorsitzender, Neukölln)

Hoher finanzieller Aufwand für das Event

Für das ursprünglich als Mitgliederversammlung geplante Treffen investierte die Partei erhebliche Mittel. Die Gesamtkosten beliefen sich auf 350.000 Euro – ein Betrag, der das ambitionierte Format widerspiegelt.

Um den mehr als elftägigen Sitzungsmarathon abwechslungsreich zu gestalten, bot die Partei ein vielfältiges Rahmenprogramm:

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  • Diskussionsrunden und thematische Workshops
  • Ein Social-Media-Studio für die Produktion von Wahlkampfclips
  • Informationsstände zahlreicher Initiativen und Organisationen
  • Unterhaltungselemente wie Glücksrad und Popcorn-Maschine

Historischer Vergleich und aktuelle Umfragen

Der aktuelle Parteitag steht in bemerkenswertem Kontrast zu früheren Veranstaltungen: 2017 kamen bei deutlich geringerer Mitgliederzahl noch 1.100 Personen zu einer Mitgliederversammlung. Die Jahre 2021 und 2025 fielen aufgrund der Corona-Pandemie beziehungsweise einer vorgezogenen Bundestagswahl komplett aus.

In den aktuellen Wahlumfragen positionieren sich die Berliner Grünen mit 14 bis 16 Prozent in einem engen Rennen um Platz zwei mit SPD, Linken und AfD. Die CDU führt derzeit mit 21 bis 22 Prozent.

Die frühere Grünen-Bundesvorsitzende Ricarda Lang unterstützte als Gast des Parteitages das Spitzenduo nachdrücklich: Berlin verdiene besseres als die schwarz-rote Landesregierung, und Werner Graf sei der richtige Kandidat für das Rote Rathaus – „jemand, der den Leuten keinen Scheiß erzählt“.