Landesweiter Stimmungstest vor Präsidentschaftswahl
Die erste Runde der Kommunalwahlen in Frankreich hat ein politisches Kräftemessen zwischen rechtsnationalen und linken Kräften offenbart. Sowohl das Rassemblement National (RN) von Marine Le Pen als auch die Linkspartei La France Insoumise (LFI) reklamieren für sich deutliche Zugewinne. Definitive Auszählungsergebnisse standen am Abend zwar noch aus, doch die Hochrechnungen zeichnen ein klares Bild: Diese Abstimmung gilt als letzter großer Stimmungstest, genau ein Jahr vor der nächsten Präsidentschaftswahl, bei der Staatschef Emmanuel Macron nach zwei Amtsperioden nicht mehr antreten darf.
Wahlbeteiligung deutlich gestiegen
Knapp 49 Millionen Wahlberechtigte waren zur Urne gerufen, um Tausende Gemeindevertreter zu bestimmen, die anschließend die Bürgermeister wählen. Um 17.00 Uhr lag die landesweite Wahlbeteiligung bei bemerkenswerten 48,90 Prozent. Zum Vergleich: Bei den letzten Kommunalwahlen 2020, die während der Corona-Pandemie stattfanden, betrug die Beteiligung am Mittag nur 38,77 Prozent. Präsident Macron und seine Frau Brigitte gaben ihre Stimmen im nordfranzösischen Küstenort Le Touquet-Paris-Plage ab.
Großstadtrathäuser im Fokus des Machtkampfes
Besonders umkämpft sind die Rathäuser der französischen Großstädte. In Paris deutet sich an, dass die Hauptstadt nach dem Ausscheiden von Bürgermeisterin Anne Hidalgo in der Hand der Sozialisten bleibt. Der Sozialist Emmanuel Grégoire landete nach Hochrechnungen deutlich vor der konservativen Herausforderin Rachida Dati. In Marseille, Frankreichs zweitgrößter Stadt, könnten die Sozialisten ebenfalls am Ruder bleiben – die Hochrechnungen sahen sie knapp vor dem Rassemblement National.
Anders sieht es in Nizza an der Côte d'Azur aus: Hier führte der rechtsnationale Éric Ciotti in den Hochrechnungen vor dem aktuellen Bürgermeister Christian Estrosi aus dem konservativen Mitte-Lager. Im südfranzösischen Perpignan, der einzigen Großstadt, in der bisher bereits das RN regierte, deutet alles auf eine Wiederwahl von Bürgermeister Louis Aliot gleich im ersten Wahlgang hin.
Überraschendes Comeback in Straßburg
Ein besonderes Highlight der Wahl ist das mögliche Comeback in der Elsass-Metropole Straßburg. Die Sozialistin Catherine Trautmann, die dort bereits von 1989 bis 1997 und erneut von 2000 bis 2001 Bürgermeisterin war, landete in der ersten Wahlrunde auf Platz eins, knapp vor dem konservativen Herausforderer Jean-Philippe Vetter. Die bisherige Bürgermeisterin Jeanne Barseghian von den Grünen kam nur auf Platz drei. Die Grünen, die bei den Kommunalwahlen 2020 noch punkten konnten, fürchten nun eine deutliche Schlappe.
Besonderheiten des Wahlverfahrens
Bei diesen Listenwahlen sind alle Parteien verpflichtet, gleich viele Männer und Frauen in abwechselnder Reihenfolge als Kandidaten aufzustellen. Neben den in Frankreich wohnenden Franzosen sind auch Einwohner aus anderen EU-Staaten zur Teilnahme berechtigt. Nach Angaben der Regierung haben sich rund 36.500 Deutsche für die Wahl registrieren lassen.
Da in der Mehrzahl der Gemeinden und in praktisch allen Großstädten keine absolute Mehrheit erreicht wurde, findet am kommenden Sonntag, dem 22. März, ein zweiter Wahlgang statt. Dieser wird entscheiden, wer die politische Landschaft Frankreichs in den nächsten Jahren prägen wird – und wichtige Weichen für die Präsidentschaftswahl 2027 stellen könnte.



