AfD in Baden-Württemberg: Warum die Partei im Südwesten so stark ist
AfD in Baden-Württemberg: Gründe für den starken Zuspruch

AfD in Baden-Württemberg: Warum die Partei im Südwesten so stark ist

Die AfD könnte bei der anstehenden Landtagswahl in Baden-Württemberg ein historisches Ergebnis erzielen und erstmals in einem westdeutschen Bundesland die 20-Prozent-Marke überschreiten. In jüngsten Umfragen pendelt die Partei um diesen Wert. Bei der Bundestagswahl 2025 erreichte die AfD im Südwesten bereits 19,8 Prozent der Zweitstimmen – mehr als doppelt so viel wie 2021 und nur knapp unter dem bundesweiten Ergebnis.

Regionale Unterschiede und traditionelle Werte

Das Institut für Rechtsextremismusforschung (IRex) an der Universität Tübingen hat nach der Bundestagswahl deutliche Unterschiede zwischen ländlichen und städtischen Regionen festgestellt. „Die eher ruralen Gebiete rücken nach rechts, die urbanen Zentren bleiben weitgehend resilient“, so die Analyse. Besonders hohe Werte erzielt die AfD in traditionell geprägten Regionen wie dem Schwarzwald und der Schwäbischen Alb.

Rolf Frankenberger vom IRex erklärt: „Wie keine andere Partei adressiert die AfD hier Themen wie traditionelle Familienbilder, Patriotismus oder den Kampf gegen Windkraft.“ Mit Slogans wie „Dein Nachbar wählt uns auch“ vermittle die Partei zudem Normalität und Alltagsnähe.

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Wirtschaftliche Unsicherheiten und Transformationsprozesse

Die Politikwissenschaftlerin Julia Reuschenbach von der Universität Hamburg sieht im wirtschaftlichen Wandel einen zentralen Faktor: „Der Prozess der Transformation findet im Westen schleichender statt, als er im Osten stattgefunden hat, aber er ist eben spürbar.“ Geschlossene Geschäfte, eingestellte Buslinien und abgewanderte Industrien schüren Unsicherheiten.

In Baden-Württemberg trifft dies besonders auf die breit aufgestellte Autoindustrie zu, die aktuell schwächelt. AfD-Spitzenkandidat Markus Frohnmaier macht in Wahlkampfauftritten die Regierung verantwortlich: „Die Probleme hier in Baden-Württemberg sind hausgemacht.“ Das Wahlprogramm der Partei zeichnet nach Analyse von Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim ein düsteres Bild des Landes und setzt neben Klassikerthemen wie Abschiebungen auch auf wirtschaftliche Schwerpunkte wie Energiepreise und internationale Kontakte.

Historische Kontinuität und gesellschaftliche Strömungen

Die AfD ist kein neues Phänomen in Baden-Württemberg. Bereits in der Vergangenheit fanden rechte Kräfte wie die NPD in den 1960er Jahren und die Republikaner in den 1990er Jahren hier überdurchschnittlichen Zuspruch und zogen in den Landtag ein. Die „Querdenker“-Bewegung hatte ihren Ursprung im Südwesten, und die „Reichsbürger“-Szene zählt laut Verfassungsschutz über 4.000 Anhänger.

Rolf Frankenberger verweist auf die Rolle christlich-fundamentalistischer und anthroposophischer Gruppen: „Je stärker wortgläubig Menschen sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie zu rechten Positionen neigen können.“ Der Pietismus als evangelische Frömmigkeitsbewegung hat in Württemberg viele Anhänger, und laut Verfassungsschutzbericht vermischen sich hier zunehmend fundamentalistische Argumentationsmuster mit extremistischen Inhalten.

Städtische Ausnahmen und neue Wählergruppen

Anders als bei der nordrhein-westfälischen Kommunalwahl kann die AfD in Baden-Württemberg nur selten in Großstädten punkten. Ausnahmen bilden die alten Industriestädte Pforzheim und Heilbronn. Hier adressiert die Partei gezielt etablierte Einwanderergruppen wie Russlanddeutsche, etwa durch Flyer auf Kyrillisch und Türkisch – ein Wählerpotenzial, das es in Ostdeutschland in dieser Form nicht gibt.

Politische Entwicklung und aktuelle Dynamiken

Die AfD ist seit 2016 im Stuttgarter Landtag vertreten und wurde damals mit 15,1 Prozent aus dem Stand drittstärkste Kraft. Nach einem Rückgang auf 9,7 Prozent im Jahr 2021 tritt die Fraktion laut Landeszentrale für politische Bildung in der aktuellen Legislaturperiode „deutlich disziplinierter auf als zuvor – wenn auch nicht unbedingt inhaltlich gemäßigter“.

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Eine mögliche Steilvorlage für die Partei könnte die jüngste Entscheidung des Verwaltungsgerichts Köln sein, das dem Bundesamt für Verfassungsschutz vorläufig untersagt hat, die AfD als gesichert rechtsextremistisch einzustufen. Frankenberger schätzt: „Das könnte ihr nochmal zwei, drei Prozentpunkte bringen.“ Mit rund 8.600 Mitgliedern im Südwesten und einer klaren Oppositionsrolle könnte die AfD bei der Landtagswahl nicht nur die 20-Prozent-Marke knacken, sondern auch zur stärksten Oppositionskraft im Stuttgarter Landtag aufsteigen.