Baden-Württemberg: Fünf Lehren aus der historischen Wahl und zwei offene Fragen für die Zukunft
Baden-Württemberg: Lehren aus der Wahl und offene Fragen

Baden-Württemberg: Fünf Lehren aus der historischen Wahl und zwei offene Fragen für die Zukunft

Die einen bezeichnen es als "Schmutzkampagne", die anderen sprechen von einer dramatischen Aufholjagd in letzter Minute: Fest steht, dass Cem Özdemir mit knappem Vorsprung gegen Manuel Hagel gewonnen hat. Die schwarz-rote Koalition in Berlin geht angeschlagen aus dieser denkwürdigen Wahl in Baden-Württemberg hervor.

Am Ende wurde es noch einmal äußerst knapp, doch die CDU verlor eine bereits geglaubte Wahl in den letzten Metern gegen die Grünen. Der große Wahlsieger ist der "anatolische Schwabe" Cem Özdemir, der durch gezielte Abgrenzung von den Grünen im Bund entscheidende Punkte sammelte. Die SPD fuhr einen weiteren Negativrekord ein, während von der FDP immer weniger übrig bleibt. Eine besondere Konstellation ergibt sich durch das exakt gleiche Sitzverhältnis: Grüne und CDU verfügen künftig jeweils über 56 Sitze im Parlament.

Fünf zentrale Lehren aus der Landtagswahl

Wahlgewinner Özdemir: Die Bedeutung der Spitzenkandidaten

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Dass Spitzenkandidaten bei Landtagswahlen eine entscheidende Rolle spielen, ist zwar keine neue Erkenntnis, doch bei dieser Wahl trat dieses Prinzip besonders deutlich zutage. Auf Özdemirs Wahlplakaten war fast ausschließlich er selbst zu sehen – den Namen seiner Partei musste man aktiv suchen. Der frühere Bundesagrarminister koppelte sich bewusst von Berlin ab, verfolgte seine eigene Strategie und punktete damit maßgeblich. Nach fünfzehn Jahren unter Winfried Kretschmann können die Grünen nun mit dem ehemaligen Parteivorsitzenden als Regierungschef weiterregieren.

Wahlverlierer Hagel: Konsequenzen für die Bundes-CDU?

Lange Zeit führte Manuel Hagel klar, doch am Ende erlitt er eine bittere Wahlniederlage. Auf der Zielgeraden wurde ihm ein acht Jahre altes Video zum Verhängnis, in dem er von einer Schülerin mit "rehbraunen Augen" schwärmt. Die CDU spricht einhellig von einer "Schmutzkampagne" – auch auf Bundesebene. Eigene Fehler werden nicht eingestanden, da in zwei Wochen bereits die nächste Wahl in Rheinland-Pfalz ansteht. Sollte diese ebenfalls verloren gehen, wird auch die Rolle von Kanzler Friedrich Merz in Frage gestellt werden. Die innerparteilichen Debatten über "Lifestyle-Teilzeit" und höhere Zahnarztkosten haben den Wahlkämpfern jedenfalls nicht geholfen.

Absturz der SPD: Ein historischer Tiefpunkt

Historisch schlechte Wahlergebnisse sind für die SPD zwar nicht neu – bei der Bundestagswahl 2025 erreichten sie mit 16,4 Prozent ihr schlechtestes bundesweites Ergebnis seit 1887. Doch es geht noch tiefer: Die 5,5 Prozent in Baden-Württemberg markieren nun das schlechteste Wahlergebnis überhaupt bei einer Landtagswahl. Immerhin blieb der Partei die größtmögliche Schmach erspart, aus dem Landtag zu fliegen. Die Erklärungen für dieses Desaster bleiben bisher dürftig – man sei im Kopf-an-Kopf-Rennen der Spitzenkandidaten zerrieben worden, heißt es. Für die Sozialdemokraten wird die Wahl in Rheinland-Pfalz nun extrem wichtig. Sollte Ministerpräsident Alexander Schweitzer dort verlieren, dürfte sich der aufgestaute Ärger in der Partei offen Bahn brechen.

Aufstieg der AfD: Ungebremster Zulauf

Die AfD hat ihr Wahlergebnis von 2021 fast verdoppelt und mit 18,8 Prozent ein Rekordergebnis bei einer Landtagswahl in Westdeutschland eingefahren – bisher lag der Rekord bei 18,4 Prozent in Hessen 2023. Für die Bundespartei bleibt dies jedoch nur ein Etappensieg. Die entscheidenden Wahlen für die AfD finden im September in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt statt. Dort geht es darum, ob sie erstmals an die Regierung kommt. Da keine andere Partei mit ihr koalieren will, benötigt sie dafür die absolute Mehrheit in einem der beiden Parlamente. In Mecklenburg-Vorpommern ist sie mit zuletzt 35 bis 37 Prozent in den Umfragen noch weit davon entfernt, während sie in Sachsen-Anhalt bereits 39 bis 40 Prozent erreicht.

Auflösungsprozess der FDP: Dramatischer Mitgliederschwund

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Nach dem Ausscheiden aus dem Bundestag ist die FDP auch in ihrem Stammland Baden-Württemberg an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert. Sie ist nun nur noch in sieben von sechzehn Landtagen vertreten. Setzt sich diese Niederlagenserie fort, könnten es am Jahresende nur noch vier sein. Die Partei benötigt dringend ein Erfolgserlebnis, doch dieses ist nicht in Sicht. "Mir war klar, dass das ein Marathonlauf wird, kein Sprint", erklärte Parteichef Christian Dürr am Wahlabend.

Zwei offene Fragen für die politische Zukunft

Nach der Wahl bleiben vor allem zwei zentrale Fragen offen: Funktioniert die Zusammenarbeit zwischen den bisherigen Koalitionspartnern Grüne und CDU nach einem derart harten Wahlkampf überhaupt noch? Und welche Auswirkungen hat die Wahl auf die Koalition in Berlin, die vor schwierigen Sozialreformen steht?

Im Land: Vom Wahlkampf zum Pragmatismus

Der Wahlkampf wird zwar noch eine Weile nachwirken, doch dann dürfte der Pragmatismus zurückkehren. Özdemir hat der CDU eine "Partnerschaft auf Augenhöhe" angeboten. "Den Streit lassen wir in Berlin, hier ist die Situation so ernst, dass wir besser zusammenarbeiten", betonte er. Eine Alternative gibt es ohnehin nicht, da sowohl CDU als auch SPD eine Zusammenarbeit mit der AfD kategorisch ausschließen.

Im Bund: Schwierige Zeiten für Schwarz-Rot

In der schwarz-roten Koalition in Berlin hatte man insgeheim auf eine Punkteteilung bei den beiden Landtagswahlen gehofft: Die CDU gewinnt in Baden-Württemberg, während die SPD in Rheinland-Pfalz an der Macht bleibt. Diese Gedankenspiele der Koalitionsstrategen haben sich nun jedoch in Luft aufgelöst. Der Wahlkampf in Rheinland-Pfalz wird in den letzten beiden Wochen mit harten Bandagen geführt werden. Wer dort verliert, geht schwer angeschlagen in die anstehende Debatte über die großen Sozialreformen – was die gesamte Koalition belasten könnte.