Historische Zäsur im Südwesten: Baden-Württemberg wählt ohne Kretschmann
Die Landtagswahl in Baden-Württemberg stellt eine politische Zeitenwende dar. Nach 15 Jahren endet die Ära von Ministerpräsident Winfried Kretschmann, der mit 77 Jahren nicht mehr antritt. Dieser Wahlgang ist die erste seit Jahren ohne den Grünen-Politiker und könnte zu einer der engsten in der Geschichte des Landes werden. Die Abstimmung hat nicht nur regionale, sondern auch bundespolitische Bedeutung, da sie den Auftakt zum Superwahljahr 2026 bildet.
Kampf um die Nachfolge: Özdemir gegen Hagel
Um die Nachfolge Kretschmanns bewerben sich Cem Özdemir von den Grünen und Manuel Hagel von der CDU. Beide treten in große Fußstapfen, wobei Hagel betont, das Erbe sei bei der CDU in guten Händen, während Özdemir im Wahlkampf mit Kretschmann-Plakaten warb. Die Christdemokraten wittern ihre Chance, nach Jahren als Juniorpartner wieder den Regierungschef zu stellen und die „natürliche Ordnung“ im Land wiederherzustellen. Für die Grünen geht es um den Erhalt ihres bundesweit einzigen grünen Ministerpräsidentenamts.
Plötzliches Kopf-an-Kopf-Rennen und Eskalation des Tons
In den Umfragen lagen die Grünen lange deutlich hinter der CDU, doch wenige Tage vor der Wahl holten sie deutlich auf und rückten bis auf wenige Prozentpunkte heran. In einer letzten Erhebung lagen beide Parteien sogar gleichauf bei 28 Prozent. Politikwissenschaftler führen dies unter anderem auf die Popularität Özdemirs zurück. Parallel dazu eskalierte der Ton im Wahlkampf, nachdem eine grüne Bundestagsabgeordnete ein altes Video von Hagel veröffentlichte, das heftige Kritik auslöste. Die CDU wirft den Grünen eine Schmutzkampagne vor, doch unabhängig vom Ausgang gilt eine Koalition aus Grünen und CDU als wahrscheinlichste Option.
Spannungen bei kleineren Parteien und neues Wahlrecht
Bei den kleineren Parteien bleibt es spannend: Die FDP könnte erstmals in ihrer Geschichte aus dem baden-württembergischen Landtag fliegen, während die Linke erstmals den Einzug schaffen könnte, aber zittern muss. Die AfD dürfte stärkste Oppositionskraft werden, wobei alle anderen Parteien eine Zusammenarbeit ausschließen. Die SPD steht unter Druck und droht mit einem historisch schlechten Ergebnis. Erstmals dürfen auch 16- und 17-Jährige wählen, was zigtausende neue Stimmen bringt. Ein neues Wahlrecht mit Erst- und Zweitstimme ähnlich der Bundestagswahl kommt zur Anwendung.
Wirtschaftliche Brisanz und bundespolitische Strahlkraft
Die wirtschaftliche Lage verleiht der Wahl zusätzliche Brisanz, da Baden-Württemberg als industrielles Herz Deutschlands stark von der Autoindustrie abhängig ist. Der Strukturwandel bedroht tausende Arbeitsplätze, weshalb Wirtschaftspolitik im Wahlkampf zentral stand. Hagel tourte zu Mittelständlern, während Özdemir Offenheit für eine Verschiebung des Verbrennerverbots signalisierte. Bundespolitisch könnte ein Scheitern Hagels Kanzler Friedrich Merz schwächen, und ein Aus der FDP im Landtag würde ihre bundesweite Bedeutung weiter mindern. Die Wahl hat Signalwirkung für das gesamte Superwahljahr 2026.



