Während Marynas Mann im Schützengraben liegt, unterstützt sie ihr Land von der Ostsee aus. Das Deutsch-Ukrainische Zentrum Rostock baut eine Hilfsbrücke von der Hansestadt an die Front und steht den Soldaten im schweren Abwehrkampf gegen die Russen bei.
Angst und Entschlossenheit im Alltag
Die Angst ist jeden Tag präsent. Immer wieder geht der bange Blick auf das Handy. Jederzeit kann die Nachricht kommen, dass Freunde, Angehörige oder der Ehemann getötet wurden. „Wut, Trauer, Verzweiflung – vier Jahre geht das jetzt schon“, sagt Maryna Streltsova. Nataliya Makyeyeva ergänzt: „Jeden Tag gibt es in meiner Heimatstadt Alarm. Jeden Tag fliegen Drohnen und Raketen. Wir müssen mit diesem Krieg leben.“ Doch gewöhnen können und wollen sich die Frauen vom Deutsch-Ukrainischen Zentrum Rostock nicht daran. Sie nehmen die russischen Terrorangriffe auf die Ukraine nicht hin, sondern leisten aktiv humanitäre Hilfe für die Verteidiger ihres Landes.
Flucht vor der russischen Kriegsmaschinerie
Seit 2022, seit dem brutalen Überfall von Putins Russland auf die Ukraine, leben die beiden Frauen in erzwungener Migration in Rostock. Die 49-jährige promovierte Geowissenschaftlerin Nataliya Makyeyeva floh mit ihrer Tochter gleich nach Kriegsausbruch nach Deutschland. Die 44-jährige promovierte Kunsthistorikerin Maryna Streltsova flüchtete zunächst in den Westen der Ukraine. Schon damals organisierte sie humanitäre Hilfe für die Menschen in der belagerten Hafenstadt Mariupol. Schließlich kam auch sie nach Rostock. Gemeinsam mit den knapp 100 Mitgliedern des Deutsch-Ukrainischen Zentrums unterstützen sie von hier aus ihr Land.
Emotionale Belastung und Rachegefühle
Jeden Tag telefonieren und schreiben die Frauen mit ihren Angehörigen und Freunden in der Ukraine. „Sie erleben viele Angriffe. Es ist wirklich gefährlich. Ich habe großes Mitleid mit ihnen“, sagt Maryna Streltsova. Wenn sie in ihrem Zentrum in Lütten Klein zusammensitzen, wird auch viel geweint, gibt sie zu. „Diese Wut und Trauer wird nicht weniger. Das ist unsere Realität“, sagt Nataliya Makyeyeva. Maryna Streltsova gibt offen zu: „Wenn ich wieder hören muss, dass viele Kinder bei einem Drohnenangriff der Russen getötet wurden, kommen Rachegefühle in mir auf.“ Gleichzeitig fürchtet sie um das Leben ihres Mannes, der als Soldat im Schützengraben irgendwo in der Region Charkiw liegt.
Hilfstransporte und Sachspenden
Deshalb sammelt das Zentrum nicht nur Sach- und Geldspenden für die Zivilbevölkerung in der Ukraine, sondern vor allem auch für die Soldaten, für unsere „Verteidiger“, wie Nataliya Makyeyeva sie nennt. 2400 Euro sind gerade für die Anschaffung von medizinischen Tourniquets zusammengekommen. Jeder Soldat trägt vier dieser bei Verletzungen lebenswichtigen Aderpressen am Mann. Zudem gehen mehrmals im Monat Medikamente, Hygieneartikel, Schlafsäcke, Zelte sowie Lebensmittel per Transport in die Ukraine. „Auch elektrische Generatoren und sogar ein Auto haben wir schon für eine Einheit an der Front gekauft“, sagt Nataliya Makyeyeva.
Tarnnetze und medizinische Hilfe
Seit Beginn des Krieges wurden dutzende Tonnen humanitäre Hilfe geliefert. Allein dieses Jahr gingen schon sechs große Transporte von Rostock in die Ukraine, alles ehrenamtlich gesammelt und zusammengestellt. Darunter auch zahlreiche geflochtene Tarnnetze. Eine andere ukrainische Initiative in Rostock stellt seit einem halben Jahr diese Tarnnetze her. „Die werden an der Front dringend gebraucht, sie retten Leben“, sagt Nataliya Makyeyeva, die auch erste Vorsitzende des Deutsch-Ukrainischen Zentrums Rostock ist. Bisher wurden 625 Quadratmeter Netze in 23 Stück verschiedener Größen hergestellt.
Zudem hilft das Deutsch-Ukrainische Zentrum, das die rund 4800 Ukrainer in der Hansestadt vernetzen will, regelmäßig verwundeten Soldaten, die zur Behandlung in Rostocker Krankenhäuser kommen. „Darunter oftmals Schwerverwundete, die drei- bis viermal operiert werden müssen“, schildert Maryna Streltsova. Aktuell werden neun ukrainische Soldaten in Rostock versorgt. „Wir versuchen mit aller Kraft, ihnen den Aufenthalt zu erleichtern. Vom ersten Tag an kümmert sich unser Zentrum um sie, zum Beispiel bei Übersetzungen, Gesprächen mit Ärzten oder der Suche nach Rehabilitationsplätzen.“
Öffentlichkeitsarbeit und Spendenaufrufe
Regelmäßig veranstaltet das Zentrum Ausstellungen, Lesungen oder Benefizkonzerte, um Spenden zu sammeln. Bei den jüngsten Aktionen gab es Unterstützung von der Jakobus-Kirchengemeinde Rostock, der Werkstattschule sowie den Rostocker Vereinen Wohltat und Stadtgespräche. Um weitere Hilfe leisten zu können, ist das Deutsch-Ukrainische Zentrum auf Geld- und Sachspenden angewiesen. Immer wieder werden Demonstrationen und Mahnwachen in Rostock veranstaltet, damit der Krieg in der deutschen Öffentlichkeit nicht in Vergessenheit gerät. „Wir wollen die Ukraine hier in Rostock sichtbar machen“, sagt Nataliya Makyeyeva.



