20 Prozent plus? Warum die AfD in Baden-Württemberg so stark ist
Warum die AfD in Baden-Württemberg so stark ist

20 Prozent plus? Warum die AfD in Baden-Württemberg so stark ist

Die AfD könnte bei der anstehenden Landtagswahl in Baden-Württemberg ein historisches Ergebnis erzielen und erstmals in einem westdeutschen Bundesland die 20-Prozent-Marke überspringen. In aktuellen Umfragen pendelt die Partei um diesen Wert und könnte damit zur stärksten Oppositionskraft im Stuttgarter Landtag aufsteigen. Dies wäre ein Rekordergebnis für Westdeutschland, das tief in gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Dynamiken verwurzelt ist.

Ländliche Regionen als Hochburgen

Forschungsergebnisse des Instituts für Rechtsextremismusforschung (IRex) an der Universität Tübingen zeigen deutliche Unterschiede zwischen ländlichen und städtischen Gebieten. In eher rural geprägten Regionen wie dem Schwarzwald oder der Schwäbischen Alb erzielt die AfD besonders hohe Werte, während urbane Zentren widerstandsfähiger bleiben. Rolf Frankenberger vom IRex erklärt, dass diese Gebiete oft traditionalistisch geprägt sind und die AfD Themen wie traditionelle Familienbilder, Patriotismus und Ablehnung von Fremden oder Homosexualität geschickt adressiert. Auch wirtschaftliche Ängste, etwa im Zusammenhang mit dem Verbrenner-Aus in der Autoindustrie, spielen eine Rolle.

Wirtschaftliche Transformation und politische Kommunikation

Die Politikwissenschaftlerin Julia Reuschenbach von der Universität Hamburg betont, dass der Transformationsprozess im Westen Deutschlands zwar schleichender verläuft als im Osten, aber dennoch spürbar ist. Leerstehende Geschäfte, reduzierte Busverbindungen und abgewanderte Industrien schüren Unsicherheiten. Die AfD nutzt dies, indem sie in ihrem Wahlprogramm einen düsteren Zustand des Landes zeichnet und die Regierung für hausgemachte Probleme verantwortlich macht. Neben klassischen Themen wie Abschiebungen setzt die Partei auch auf wirtschaftliche Schwerpunkte wie Energiepreise und die Sicherung der Automobilindustrie.

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Historische Kontinuität und gesellschaftliche Strömungen

Die Stärke der AfD in Baden-Württemberg ist kein neues Phänomen. Bereits in der Vergangenheit fanden rechte Kräfte wie die NPD in den 1960er Jahren und die Republikaner in den 1990er Jahren hier stärkeren Zuspruch als in anderen westdeutschen Regionen. Christlich-fundamentalistische und anthroposophische Gruppen sowie Anhänger von Verschwörungstheorien tragen zum Erfolg bei. Frankenberger weist darauf hin, dass wortgläubige Menschen eher zu rechten Positionen neigen, was sich in der Ablehnung von Vielfalt zeigt. Auch die „Querdenker“-Bewegung und die „Reichsbürger“-Szene haben im Südwesten Wurzeln.

Städtische Ausnahmen und aktuelle Entwicklungen

Anders als in Nordrhein-Westfalen kann die AfD in Baden-Württemberg seltener in Großstädten punkten, mit Ausnahmen wie Pforzheim und Heilbronn. Hier spricht die Partei gezielt etablierte Einwanderergruppen wie Russlanddeutsche an, etwa durch Flyer auf Kyrillisch und Türkisch. Ein möglicher Schub könnte von einem aktuellen Gerichtsentscheid kommen: Das Verwaltungsgericht Köln hat entschieden, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz die AfD vorerst nicht als gesichert rechtsextremistisch einstufen darf. Experten wie Frankenberger schätzen, dass dies der Partei zusätzliche zwei bis drei Prozentpunkte bringen könnte.

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