Friseurmeisterin Jutta Gsell: „Die Fachkompetenz sitzt hinter dem Stuhl“ – Warum sie Kundinnenwünsche ignoriert
Friseurin Gsell: Fachkompetenz statt Kundinnenwünsche

Friseurmeisterin Jutta Gsell: Warum sie Kundinnenwünsche bewusst ignoriert

In der Welt der Friseure gilt oft die Devise: Der Kunde ist König. Doch Jutta Gsell, eine 58-jährige Friseurmeisterin aus Bad Mergentheim in Baden-Württemberg, bricht radikal mit dieser Tradition. Seit 28 Jahren führt sie ihren Salon „Kopf-Kunst“ und hat eine ungewöhnliche Herangehensweise entwickelt, die sie auf Social Media mit über 156.000 Followern auf Instagram und 17.100 auf TikTok teilt.

„Was darf denn nicht passieren?“ – Die umgekehrte Beratungsfrage

Statt die klassische Frage „Was wünschen Sie sich?“ zu stellen, beginnt Gsell jedes Gespräch mit einer anderen Formulierung: „Was darf denn nicht passieren?“ Diese einfache, aber wirkungsvolle Umkehrung ermöglicht es ihr, ihre Fachkompetenz voll auszuspielen. „Die Fachkompetenz sitzt schließlich hinter dem Stuhl – und das bin ich, nicht die Kundin“, erklärt Gsell im Interview. Sie verzichtet bewusst darauf, konkrete Vorstellungen der Kundinnen zu erfahren, um stattdessen kreativ und individuell arbeiten zu können.

Ihr Ansatz basiert auf tiefgehenden Fragen zur Persönlichkeit und Lebenssituation der Kundin:

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  • Wie ist sie? Was strahlt sie aus?
  • In welcher Lebensphase befindet sie sich gerade?
  • Was macht sie als Individuum besonders?

Kundinnen reisen aus ganz Deutschland an – sogar aus Brandenburg

Die unkonventionelle Methode zieht Kundinnen aus dem gesamten Bundesgebiet an. Kürzlich reiste sogar eine Frau aus Brandenburg nach Baden-Württemberg, um sich von Gsell frisieren zu lassen. Der Erfolg liegt nicht nur in den handwerklichen Fähigkeiten, sondern auch in der besonderen Beziehung, die Gsell zu ihren Kundinnen aufbaut. „Jeder Einzelne, der hier hereinkommt, zählt“, betont sie. Diese Wertschätzung und das Gefühl, wirklich gesehen zu werden, machen den Unterschied aus.

Fast 40 Jahre Berufserfahrung und Leidenschaft für den Friseurberuf

Mit fast 40 Jahren Berufserfahrung hat Gsell nicht nur ihren eigenen Salon erfolgreich geführt, sondern auch 19 ehemalige Mitarbeiter in die Selbstständigkeit begleitet. Ihr Team besteht aus fünf Mitarbeitern, darunter zwei junge Männer, und sie bildet kontinuierlich Nachwuchs aus. Mehrere ihrer Auszubildenden wurden Kammersieger oder Jahrgangsbeste. „Friseur ist mein großes Herzensanliegen“, sagt Gsell und teilt diese Leidenschaft kompetent und mit vollem Einsatz.

Umgang mit Hasskommentaren und steigenden Preisen

Auf Social Media erntet Gsell nicht nur Lob, sondern auch Kritik. Doch sie geht gelassen mit Hasskommentaren um, die oft von jungen Männern stammen: „Jungs, die noch nicht einmal trocken hinter den Ohren sind, sollten erst mal etwas im Leben erreichen“. Gleichzeitig kommentiert sie die gestiegenen Preise in der Friseurbranche positiv. Nach Jahrzehnten mit niedrigen Einnahmen begrüßt sie, dass Friseure heute angemessen verdienen können – eine Entwicklung, die sie als notwendige Anerkennung für die einzigartige Arbeit der Branche sieht.

Individuelle Frisuren statt Trends

Für Gsell stehen individuelle Lösungen im Vordergrund, nicht modische Trends. Während sie aktuelle Entwicklungen wie den Bixie Bob berücksichtigt, passt sie jeden Schnitt und jede Farbe an die persönlichen Merkmale der Kundin an. „Der Trend ergibt sich daraus, was zu einer Person passt“, erklärt sie. Besonders wichtig ist ihr, Lebensveränderungen wie Trennungen oder neue Lebensphasen in der Frisur widerzuspiegeln. Selbst Stammkundinnen wie die Biathletin Kati Wilhelm verlassen ihren Salon nie mit der gleichen Frisur wie zuvor.

Eine Ausnahme bestätigt die Regel

Nur einmal gab es eine unzufriedene Kundin – genau in dem Fall, in dem Gsell sich strikt an deren Vorgaben hielt. „Das Ergebnis? Zweifache Unzufriedenheit“, erinnert sie sich. Die Kundin sah nach dem Besuch genauso aus wie zuvor, ohne jegliche Verbesserung. Diese Erfahrung bestärkte Gsell in ihrer Überzeugung, dass echte Veränderung nur entsteht, wenn die Fachkompetenz des Friseurs im Mittelpunkt steht.

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