Abitur-Skandal in Mecklenburg-Vorpommern: Journalist deckt gravierende Fehler in Geschichtsprüfung auf
Der Skandal um eine fehlerhafte Abituraufgabe im Fach Geschichte in Mecklenburg-Vorpommern zieht weitere Kreise. Der Journalist Jochen Zenthöfer hat schwerwiegende Mängel in der Prüfungsaufgabe aus dem Jahr 2025 aufgedeckt und kritisiert das Vorgehen des Bildungsministeriums bei der Aufarbeitung.
Wochenlanger Kleinkrieg mit dem Ministerium
Zenthöfer begann seine Recherchen bereits am 18. Oktober 2025 und stieß dabei auf erhebliche Widerstände. „Mein Eindruck war, dass das Ministerium Zeit schinden wollte“, erklärt der Journalist. Das Ministerium behandelte seine Anfrage zunächst nicht nach dem für Journalisten geltenden Presserecht, sondern nach dem Informationsfreiheitsgesetz, was den Prozess unnötig verzögerte.
Besonders absurd: Als Zenthöfer am 19. Dezember den Erwartungshorizont für die Abituraufgabe anforderte, lehnte das Ministerium dies mit der Begründung ab, die Aufgabe werde „unter anderem zur Prüfungsvorbereitung noch genutzt“. Eine fehlerhafte Aufgabe sollte also weiterhin verwendet werden – bis der öffentliche Druck nach Veröffentlichung der Recherche in der F.A.Z. im Januar zu einer Kehrtwende führte.
Gravierende inhaltliche Fehler in der Prüfungsaufgabe
Die aufgedeckten Mängel sind vielfältig und schwerwiegend:
- Ein Zitat von Manfred Stolpe lässt sich nicht belegen
- Das vorhandene Zitat wurde zudem verkürzt wiedergegeben
- Ein Artikel einer DDR-Zeitung vom 10. Dezember 1976 wurde zitiert, der in dieser Ausgabe gar nicht existierte
- Die Aufgabenstellung zur Selbstverbrennung des Pfarrers Oskar Brüsewitz 1976 bezieht sich fälschlicherweise auf die 1980er Jahre
„Von vorne bis hinten war diese Aufgabe einfach schlecht“, resümiert Zenthöfer die gravierenden Qualitätsmängel.
Ministerium in Auftrag gegebenes Gutachten bestätigt Kritik
Das Bildungsministerium ließ den Fall durch den Historiker Helmut Müller-Engbers untersuchen. Obwohl das Ministerium das Gutachten als entlastend darstellt, bestätigt es im Kern Zenthöfers Kritik:
- Das Stolpe-Zitat bleibt unbelegt
- Die angebliche Quelle – ein Vermerk eines Stasi-Manns – wurde nicht im Bundesarchiv überprüft
- Ein weiteres Zitat wurde von den Aufgabenstellern nicht überprüft
- Der falsche Erscheinungstag des Zeitungsartikels wird bestätigt
Zenthöfer kritisiert zudem die unwissenschaftliche Herangehensweise des Gutachtens, das ihm zwar die Sachkunde abspricht, aber selbst methodische Schwächen aufweist.
Grundsätzliches Problem: Respekt statt Richtigkeit?
Besonders problematisch ist aus Zenthöfers Sicht die Begründung im Gutachten, die Prüfungskommission habe „den Opfern der SED-Diktatur ihre Reverenz erweisen“ wollen. „Abituraufgaben müssen korrekte Referenzen haben und sind nicht dafür da, jemandem eine Reverenz zu erweisen“, kontert der Journalist. „Kriterium ist nicht Respekt, sondern Richtigkeit.“
Wäre es den Autoren wirklich um die Würdigung der Opfer gegangen, hätte dies im Rahmen der Aufgabe thematisiert und problematisiert werden müssen. Stattdessen wurden zweifelhafte Zitate verwendet, die ohne Kontextualisierung einseitig Personen wie Stolpe und die Kirche in Täterrollen drängen – und dies jungen Menschen als objektive historische Grundlage präsentiert wurde.
Der Bildungsausschuss des Landtags beschäftigt sich am Donnerstag erneut mit dem Skandal. Die Aufarbeitung zeigt, wie wichtig transparente Qualitätskontrollen bei der Erstellung von Abituraufgaben sind – besonders in einem sensiblen Fach wie Geschichte, wo korrekte Quellenarbeit und historische Genauigkeit oberste Priorität haben müssen.



