FSME-Alarm: Ganz Deutschland inzwischen Risikogebiet
Was früher als saisonales Problem galt, hat sich zu einer ganzjährigen Bedrohung entwickelt: Zecken machen keine Winterpause mehr und verbreiten das FSME-Virus inzwischen flächendeckend über ganz Deutschland. Experten warnen vor einem dramatisch gestiegenen Infektionsrisiko, das selbst bei einfachen Spaziergängen im eigenen Garten lauern kann.
Rekordzahlen bei FSME-Erkrankungen
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Im vergangenen Jahr könnten Zecken so viele Hirnhautentzündungen verursacht haben wie noch nie seit Beginn der Meldepflicht. Gerhard Dobler vom Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr in München bestätigt: „Die Auswertungen laufen noch, aber es ist jetzt schon abzusehen, dass wir die schon sehr hohen Zahlen von 2024 übertroffen haben werden.“
Bislang wurde der höchste Wert mit 704 FSME-Erkrankungen im Jahr 2020 gemessen. Aktuell liegen für 2025 bereits 693 gesicherte FSME-Fälle vor, dazu kommen etwa 100 Verdachtsfälle, die noch geprüft werden. Die Parasitologin Ute Mackenstedt von der Universität Hohenheim warnt: „Wir müssen davon ausgehen, dass ganz Deutschland inzwischen ein FSME-Risikogebiet ist.“
Klimawandel als Hauptursache
Die Experten sehen im Klimawandel die wesentliche Ursache für die besorgniserregende Entwicklung:
- Zecken gehen nicht mehr in Winterpause, da die Temperaturen zu hoch bleiben
- Weniger Frosttage ermöglichen mehr Zecken das Überleben
- Bereits im Frühjahr kommt es zu ersten FSME-Meldungen
- Zecken erobern selbst kühle Berglagen
Mackenstedt erklärt: „Seit 2016 gibt es nur noch Jahre mit hohen Fallzahlen von 400 bis 500 Krankheitsmeldungen.“ Die früher beobachteten Zyklen mit abwechselnd hohen und niedrigen Fallzahlen seien verschwunden.
Regionale Verteilung und Risikogebiete
Obwohl ganz Deutschland als Risikogebiet gilt, zeigen sich regionale Unterschiede:
- Baden-Württemberg und Bayern verzeichnen etwa 85 Prozent aller Krankheitsmeldungen
- Allein in Baden-Württemberg wurden 258 FSME-Fälle im vergangenen Jahr registriert
- Ein ansteigender Trend auf niedrigem Niveau ist in allen Bundesländern zu beobachten
Gefährliche Folgen und mangelnder Impfschutz
FSME ist eine Virus-Erkrankung mit potenziell schwerwiegenden Folgen:
- Bei etwa einem Drittel der Infizierten treten grippeartige Symptome auf
- Fünf bis zehn Prozent entwickeln Hirnhaut- und Gehirn-Entzündungen
- Vor allem ältere Menschen können bleibende Schäden davontragen
- Eine spezielle Behandlungsmöglichkeit existiert nicht
Besonders alarmierend: Bei 99 Prozent der Betroffenen fehlt laut Robert Koch-Institut ein Impfschutz. Dobler betont: „Das Risiko, sich mit FSME zu infizieren, ist heute fünf- bis zehnmal höher als noch vor 40 Jahren vor Einführung der Impfung.“
Experten fordern verstärkte Aufklärung
Die Fachleute sehen dringenden Handlungsbedarf. Die Impfung bleibt der wirksamste Schutz gegen FSME, doch die Impfquoten sind nach wie vor zu niedrig. Gleichzeitig müssen Ärzte stärker sensibilisiert werden, bei entsprechenden Symptomen FSME-spezifische Tests zu veranlassen.
Die Entwicklung zeigt: Was früher als regional begrenztes Problem galt, hat sich zu einer deutschlandweiten Gesundheitsbedrohung entwickelt. Die ganzjährige Aktivität der Zecken und ihre Ausbreitung in bisher weniger betroffene Regionen erfordern ein Umdenken beim persönlichen Schutz und bei der medizinischen Vorsorge.



