Rückkehr in die Heimat: Warum junge Menschen Mecklenburg-Vorpommern verlassen
Weihnachten in der Heimatstadt Neubrandenburg – zum ersten Mal erlebte ich die Feiertage ohne einen einzigen zurückgekehrten Freund. Während meine Familie mich umgab, blieben die „Ausgeflogenen“ diesmal bei den Familien ihrer Partner oder zu Hause. Diese persönliche Erfahrung spiegelt einen erschreckenden Trend wider, der ganz Mecklenburg-Vorpommern betrifft.
Demografischer Wandel im Nordosten
Deutschland altert, doch im Nordosten vollzieht sich dieser Prozess besonders dramatisch. Aktuelle Daten des Statistischen Bundesamtes und der Landtagskommission „Jung sein in Mecklenburg-Vorpommern“ zeigen: Der Anteil der 15- bis 24-Jährigen liegt hier bei weniger als neun Prozent und damit deutlich unter dem Bundesdurchschnitt. Diese Entwicklung hat weitreichende Konsequenzen für Schulen, den Arbeitsmarkt, Sozialsysteme und die regionalen Zukunftsperspektiven.
Viele junge Menschen sehen in westdeutschen Regionen oder Großstädten bessere Ausbildungs-, Studien- und Berufschancen. Obwohl es in Mecklenburg-Vorpommern regionale und modellhafte Projekte zur Arbeitsmarktintegration gibt, reichen diese nicht aus, um die Abwanderung zu stoppen. Für viele Jugendliche ist die Region schlichtweg nicht attraktiv genug, wenn es um Ausbildung, Karriere und Lebensqualität geht.
Ein Teufelskreis der Abwanderung
Aus meiner Sicht entsteht hier ein gefährlicher Kreislauf: Weniger junge Menschen bedeuten weniger Nachfrage nach Dienstleistungen, kulturellen Veranstaltungen, Gemeinschaftsprojekten und sozialen Angeboten. Der Alltag wird für verbleibende Jugendliche dadurch immer unattraktiver. Die Kommission „Jung sein in Mecklenburg-Vorpommern“ kritisiert zu Recht die schwache soziale Infrastruktur für junge Leute.
„Es fehlen Treffpunkte, Räume für Engagement, Freizeitgestaltung und niedrigschwellige Beteiligung“, heißt es in den Analysen. Die Experten fordern vergünstigte Mobilitätsangebote und neue Gemeinschaftsorte, um junge Menschen in der Region zu halten.
Persönliche Rückkehr nach 20 Jahren
In meiner Kolumne „Ich bin wieder hier“ schreibe ich über meine Erfahrungen als Rückkehrer. Nach 20 Jahren in verschiedenen deutschen Städten – von Marburg über Tübingen und Düsseldorf bis Berlin – reifte in mir der Entschluss, zu meinen Wurzeln zurückzukehren. In Berlin hatte ich mich beruflich weiterentwickelt und eine Familie gegründet, doch die Sehnsucht nach der Heimat wurde stärker.
Aus meiner heutigen Perspektive mit Kindern und in halbwegs gesetztem Alter kann ich kaum nachvollziehen, warum Menschen freiwillig Stau, Lärm, schlechte Luft, wenig Natur, Großstadthektik und explodierende Mietpreise bevorzugen. Das ständige Gehetze, das Denken in engen Zeitfenstern und die langen Wege innerhalb der Metropolen – ich könnte mir nicht mehr vorstellen, in Berlin oder Hamburg zu leben.
Was wirklich helfen würde
Doch die Realität zeigt, dass viele Jüngere diese Dinge anders bewerten. Neben mehr Gemeinschaftsangeboten und Treffpunkten in kultureller wie sozialer Hinsicht braucht es konkrete Maßnahmen:
- Investitionen in Berufsausbildung und duale Studiengänge
- Unternehmen, die gute Arbeitsplätze bieten
- Bezahlbaren Wohnraum, der derzeit rasant schwindet
- Mehr familienfreundliche Freizeitangebote
Die Menschen müssen Chancen sehen und Lust haben, hier zu leben. Doch wer nur Kampagnen startet, ohne die Lebensrealität zu verändern, verliert die nächste Generation. Wenn sich nichts signifikant ändert, wird die Abwanderung sowohl junger als auch struktureller Natur bleiben.
Die Einsamkeit an Weihnachten war für mich ein Weckruf. Wir müssen dieses Problem aktiv angehen, anstatt es achselzuckend hinzunehmen. Andernfalls wird es nicht nur an Feiertagen einsam in Mecklenburg-Vorpommern.



