Besorgniserregende Entwicklung in Mecklenburg-Vorpommern
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen sind bei Versicherten der AOK Nordost in Mecklenburg-Vorpommern im Jahr 2025 erneut angestiegen. Dies geht aus einer aktuellen Auswertung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK hervor. Besonders alarmierend ist dabei, dass psychische Erkrankungen die längsten Fehlzeiten verursachen – durchschnittlich etwa 28 Tage pro Krankheitsfall – und am häufigsten zu Langzeiterkrankungen führen. Seit dem Jahr 2016 haben die entsprechenden Fehlzeiten in Mecklenburg-Vorpommern um beeindruckende 61 Prozent zugenommen.
Depressionen nehmen dramatisch zu
Ein ähnlich düsteres Bild zeichnet die Kaufmännische Krankenkasse (KKH), die unter ihren Versicherten in Mecklenburg-Vorpommern einen starken Anstieg von Patienten mit wiederkehrenden Depressionen verzeichnet. Von 2014 bis 2024 stieg die Zahl um beunruhigende 63 Prozent an. Laut Hochrechnungen der KKH diagnostizierten Ärzte im Jahr 2024 bei rund 76.000 Menschen in Mecklenburg-Vorpommern eine wiederkehrende Depression. Das entspricht 48 ambulanten Diagnosen pro 1.000 Versicherte.
Im Bundesländervergleich liegt Mecklenburg-Vorpommern zwar unter dem Durchschnitt von 51 Fällen pro 1.000 Versicherte, verzeichnet jedoch ein überdurchschnittliches Plus. KKH-Ärztin Aileen Könitz erklärt: „Depressionen können durch ein Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren entstehen. Dazu gehören belastende Lebensereignisse wie Gewalt, Missbrauch, Trennungen oder Jobverlust, aber auch körperliche Erkrankungen und biologische Einflüsse. Auch Vitamin-D-Mangel kann ein Risikofaktor sein.“
Honorarkürzung als fatales Signal
Während die Fallzahlen steigen, kommt eine weitere schlechte Nachricht für Betroffene und Behandler: Ab dem 1. April sinken die Honorare für psychotherapeutische Leistungen um 4,5 Prozent. Diese Entscheidung wurde vom Erweiterten Bewertungsausschuss als Schiedsstelle für die Kassenärztliche Bundesvereinigung und den Spitzenverband der Krankenkassen gefällt.
Torsten Koplin, gesundheitspolitischer Sprecher der Linksfraktion im Schweriner Landtag, kritisiert scharf: „Das ist nicht nur ein Schlag ins Gesicht der Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, sondern vor allem der betroffenen Erkrankten. Sie sind die ersten Opfer der aktuellen Finanzkrise unseres Gesundheitssystems.“
Experten warnen vor Versorgungsengpässen
Die Deutsche Psychotherapeuten-Vereinigung (DPtV) bezeichnet die Honorarabwertung als fatales Signal. Die DPtV-Bundesvorsitzenden Dr. Enno Maaß und Dr. Christina Jochim betonen, dass psychisch erkrankte Patienten bereits jetzt trotz steigender Krankenkassen-Beiträge auf eine angespannte Versorgungssituation in der ambulanten Psychotherapie treffen.
Ulrike Böker, stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbands der Vertragspsychotherapeuten (bvvp), warnt: „Die Krankenkassen entziehen der ambulanten Versorgung psychisch erkrankter Menschen jährlich einen dreistelligen Millionen-Euro-Betrag. Das wird sich auf das Angebot ambulanter Psychotherapie auswirken und die psychotherapeutische Versorgungssituation weiter verschlechtern.“
Ein besonderes Problem: Psychotherapeuten erwirtschaften im Vergleich zu ihren haus- und fachärztlichen Kollegen bereits jetzt nur etwa die Hälfte des Ertrags pro Stunde beziehungsweise pro Praxis – bei gleichem Arbeitseinsatz und nach Abzug der jeweiligen Praxiskosten.
Politische Forderungen nach Lösungen
Torsten Koplin von der Linksfraktion gesteht zwar ein, dass die Krankenkassen unter erheblichem Finanzdruck stehen und die Honorare sogar noch stärker kürzen wollten. Dennoch sei der gefundene Kompromiss inakzeptabel, da er die Entwicklung der Betroffenenzahlen und die aktuelle Versorgungssituation völlig außer Acht lasse.
„Jede Kürzung in diesem Bereich führt zu längeren Wartezeiten und diese zu schwerwiegenderen, gegebenenfalls chronischen Erkrankungen und längeren Ausfallzeiten, die teuer bezahlt werden müssen“, mahnt Koplin. Seine Fraktion fordert die Bundesregierung auf, die Krankenkassen umgehend durch Bundeszuschüsse finanziell zu entlasten und weitere Leistungskürzungen zu verhindern.
Anke Jurchen von der AOK Nordost nennt Arbeitsverdichtung, fehlende Ressourcen und private Belastungen als häufige Ursachen für psychische Erkrankungen und verweist darauf, dass Arbeitgeber hier proaktiv vorbeugen können – eine Aufgabe, die angesichts der Entwicklungen immer dringlicher wird.



