Vom Schwabenland an die Ostsee: Ein Ehepaar findet in Stralsund seinen Herzensort
Schwabenpaar zieht an die Ostsee: Neuanfang in Stralsund

Vom Schwabenland an die Ostsee: Ein Ehepaar findet in Stralsund seinen Herzensort

Weihnachten ist stets auch eine Zeit, in der uns die räumlichen Distanzen zu unseren Lieben besonders bewusst werden. Wie ergeht es einem Ehepaar aus dem schwäbischen Neckarsulm, das den mutigen Schritt gewagt hat, in die norddeutsche Hansestadt Stralsund zu ziehen? Die Antwort ist überraschend positiv und voller Lebensfreude.

Die richtige Aussprache und ein langer Weg

„Es heißt Straaalsund“, betonen die Einheimischen mit Nachdruck. Der erste Vokal muss langgezogen werden – eine sprachliche Feinheit, die in Bahnansagen oder Nachrichten oft verloren geht. Für Christina Welt ist dieses Phänomen nicht neu. Die gebürtige Neckarsulmerin kennt ähnliche Verwechslungen aus ihrer Heimat, wo ihr Heimatort fälschlicherweise mit Ulm in Verbindung gebracht wurde. „Dabei hat der Ort mit Ulm mal so gar nichts zu tun“, erklärt sie mit einem Schmunzeln.

Doch das Interesse an neuen Orten war bei Christina und ihrem Mann Bernd stets groß genug, um Ende 2019 einen radikalen Schritt zu wagen: Den Umzug von der Region Stuttgart nach Vorpommern – eine Strecke von rund 900 Kilometern quer durch die Republik. Bernd, heute 71 Jahre alt, nutzte ein Altersteilzeitmodell, während Christina (60) bereit war, mit ihm gemeinsam ein neues Kapitel aufzuschlagen.

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Die Suche nach Ruhe, Natur und Meer

„Es sollte mit Natur und Meer in der Nähe sein, ruhiger, insgesamt weniger hektisch als in den süddeutschen Ballungszentren und vielleicht auch nicht so teuer“, beschreibt Christina ihre Beweggründe. Die Ostsee kannten die beiden bereits seit 2003 aus regelmäßigen Urlauben – von Kühlungsborn über den Darß bis hin zu Rügen und Usedom hatten sie die Vielfalt der Küstenregion schätzen gelernt.

Dennoch wollten sie nicht in völliger Abgeschiedenheit leben: „Unser neues Zuhause sollte in einer eher städtischen Umgebung sein, mit entsprechender Infrastruktur an Läden, Ärzten, Krankenhaus – man wird ja nicht jünger.“ Die Wahl fiel schließlich auf Stralsund, das nicht nur mit seiner historischen Altstadt als UNESCO-Weltkulturerbe punktete, sondern auch ein vielfältiges Kulturangebot bereithielt.

Anfang in schwierigen Zeiten

Viele Freunde empfanden den Schritt damals als sehr mutig. „Für uns war es die Erfüllung eines Herzenswunsches“, betont Christina. „Wir haben auch nie bereut, hierhergezogen zu sein!“ Allerdings gestaltete sich der Start schwierig, denn kurz nach ihrer Ankunft brach die Corona-Pandemie aus: „Als das Zuhause fertig eingerichtet war, ging leider gar nichts mehr für etliche Monate.“

Doch die Zwangspause nutzten sie, um ihre neue Umgebung intensiv zu erkunden. Schnell kamen sie mit den Nachbarn in Kontakt – heute helfe man sich gegenseitig und feiere auch gemeinsam. „Wunderbar!“, schwärmt Christina.

Ähnlichkeiten zwischen Schwaben und Vorpommern

Überraschenderweise entdeckten die beiden zahlreiche Gemeinsamkeiten zwischen ihrer alten und neuen Heimat. „Schwaben und Vorpommern sind sich ähnlicher, als man denkt“, stellt Christina fest. „Beide sind erst einmal etwas zurückhaltender beim Kennenlernen und vielleicht nicht so redselig. Kennt man sich aber erst einmal, wird man herzlich aufgenommen.“

Um Anschluss zu finden, schlossen sie sich dem örtlichen Rock- und Popchor Heartbeat an – viele nette Bekanntschaften und neue Freundschaften entstanden. „Wir sind aber auch beide offen für Neues und ehrlich an den Menschen und ihren Erlebnissen interessiert“, erklärt Christina das Erfolgsrezept. Theaterbesuche, Vereinsaktivitäten oder Lesezirkel – einfach das tun, was einen interessiert, lautet ihre Devise.

Heimweh nach Menschen, nicht nach Orten

Natürlich gestaltet sich die Pflege alter Freundschaften aus der Ferne aufwändiger. „Nachdem wir aber wohnen, wo andere Urlaub machen, kommen alle gerne mal für eine Woche hierher“, freut sich Christina. Oder man treffe sich an gemeinsamen Urlaubsorten.

Besonders erfreulich finden die beiden, dass nicht nur Westdeutsche wie sie nach Mecklenburg-Vorpommern ziehen, sondern dass auch etliche in der Region geborene Menschen nach Jahren oder Jahrzehnten in Westdeutschland mit ihren Familien zurückkehren. „Sicherlich ist das für die Kinder und Großeltern ein echter Mehrwert!“

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Kulinarische Anpassungen

Was Christina und Bernd tatsächlich vermissen, sind kulinarische Kleinigkeiten: „Dort ist die Auswahl an Brot, Brötchen und Kuchen deutlich größer. Und die typischen Maultaschen oder kleine, abgebundene Leberwürste, die wir im Sauerkraut essen, findet man hier natürlich nicht beim Metzger.“ Diese müssen sie nun selbst zubereiten oder sich als Carepaket von Besuchern mitbringen lassen. „Das ist aber alles nichts, was einem das Leben hier verleiden könnte.“

Weihnachtliche Traditionen

Ein kleiner Unterschied fiel ihnen beim Weihnachtsfest auf: „Der Baum wird hier definitiv früher aufgestellt.“ In der alten Heimat hätten sie ihn erst Heiligabend geschmückt. Dazu gab es immer Würstchen mit Kartoffelsalat – eine Tradition, die sie auch in Vorpommern beibehalten, allerdings mit einem wichtigen Detail: In den schwäbischen Kartoffelsalat kommt für sie natürlich nur Essig und Gemüsebrühe. Experimente mit Mayonnaise, wie sie weiter nördlich üblich sind, bleiben ihr fremd. Dafür habe sie inzwischen aber auch Fans für ihre Variante gefunden.

„Wenn Christina Welt also Heimweh hat, dann bezieht es sich nicht auf einen Ort, sondern eher auf ihre Herzensmenschen, die ihr fehlen“, resümiert sie. Dagegen helfe dann aber ein wenig die heutige Technik: „Videocalls mit Freunden sind bei uns immer recht ausgedehnt und finden mit einem Glas Wein am Abend statt.“ Ein virtuelles Prost von Schwaben nach Vorpommern und wieder zurück – das ist gelebte Verbundenheit über große Distanzen hinweg.