Störche kehren nach Mecklenburg-Vorpommern zurück – mit ungewissem Ausgang
In Belitz im Landkreis Rostock ist das vertraute Klappern wieder zu hören: Der Dorfstorch hat sein Winterquartier verlassen und ist an seinen angestammten Horst zurückgekehrt. Damit gehört er zu den ersten Weißstörchen mit festem Sitz, die in diesem Jahr nach Mecklenburg-Vorpommern zurückgekommen sind. Ein weiterer Storch wurde laut dem erfahrenen Storchenbeobachter Stefan Kroll bei Groß Pravtshagen im Kreis Nordwestmecklenburg gesichtet. Allerdings verzeichnet Schleswig-Holstein bereits deutlich mehr Rückkehrer, wie Kroll berichtet.
Verzögerte Ankunft und die Bedrohung durch Vogelgrippe
Generell stellen die Experten fest, dass die Vögel in diesem Jahr etwas später eintreffen als im Vorjahr. Diese Verzögerung passt gut zu den nach wie vor winterlichen Verhältnissen in Nord- und Ostdeutschland. Doch die eigentliche Sorge gilt der Frage, wie viele Störche überhaupt den Rückweg antreten werden. Kroll erklärt, dass insbesondere jene Vögel, die in Spanien überwintern, aktuell durch die Vogelgrippe stark gefährdet sind.
Im Dezember wurden in der Nähe von Madrid etwa 400 tote Weißstörche entdeckt, die sich mit einer hochpathogenen und meist tödlichen Variante des Virus infiziert hatten. Der brandenburgische Bauernpräsident vermutete, dass sich unter den Opfern auch Zugvögel befanden. Bei den jetzt zurückkehrenden Störchen handelt es sich laut Kroll genau um diese sogenannten Westzieher – Vögel, die sich im Winter nach Südwesten, etwa nach Spanien oder Frankreich, orientieren.
Das Problem der Massenansammlungen in Winterquartieren
Kroll betont, dass die Vogelgrippe vor allem in den Winterquartieren zum Problem wird, weil die Störche dort nicht einzeln auf ihren Nestern sitzen, sondern in großen Gruppen unterwegs sind. „In Gewässern und über Kot und so weiter überträgt sich das Virus dann.“ Wie viele Vögel tatsächlich betroffen sind, muss abgewartet werden. „Es kann also sein, dass es einen kleinen Knick gibt, was den Weißstorchbestand in Deutschland insgesamt anbelangt.“ Auch in anderen Überwinterungsländern droht eine Ansteckung.
Geflügelpest in Deutschland und betroffene Tierarten
Für einen sichtbaren Anstieg der Infektionszahlen sorgen zurückkehrende Zugvögel hingegen weniger, wie die Diplom-Biologin Elke Reinking vom Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit in Greifswald erklärt. Das Geflügelpestvirus H5N1 zirkuliere in Deutschland bereits seit längerem, wobei Infektionsherde vor allem bei Geflügel zu finden seien.
Andere von Ansteckungen betroffene Tierarten sind in erster Linie Fleisch- und Aasfresser wie Füchse, Otter, Robben oder Bären. Einige davon erkranken schwer und sterben. Bei Kühen ist das Euter besonders empfindlich für Infektionen, allerdings sind in Deutschland derzeit keine Fälle von mit H5N1 infizierten Kühen bekannt. Menschen stecken sich allenfalls in Einzelfällen an und geben das Virus erfahrungsgemäß nicht an andere weiter, so Reinking.
Westroute bleibt die klügere Strategie trotz Risiken
Trotz der Vogelgrippe-Gefahr schätzt Kroll den Weg nach Westen weiterhin als die intelligentere Strategie für deutsche Störche ein. Die Route ist kürzer und birgt weniger Gefahren. Der Anteil der Jungvögel, die ihre erste Reise überleben, ist höher, und sie bekommen früher Nachwuchs. Daher ist der Bestand an Westziehern in Mecklenburg-Vorpommern in den vergangenen Jahren gestiegen. Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass die Weißstörche eine Immunität gegen das Vogelgrippe-Virus entwickeln könnten.
Methoden zur Nachverfolgung der Storchenbewegungen
Die Bewegungen der Störche werden von Beobachtern mit verschiedenen Methoden genau verfolgt:
- Besenderte Störche: Sie tragen Peilsender, die regelmäßig ihre Position melden und so Flugrouten sowie Dauer von Zwischenstopps genau aufzeichnen.
- Beringte Störche: Sie tragen einen Ring mit einer Nummer am Bein. Wird ein Storch beobachtet oder tot aufgefunden, können Menschen die Position an Vogelwarten oder örtliche Weißstorchbetreuer melden.
Gefahren auf der Afrika-Route
Der größere Teil der Weißstörche – Kroll schätzt ihn auf 80 Prozent – zieht immer noch aus Mecklenburg-Vorpommern Richtung Afrika. Hier gibt es laut dem Experten „ein ganzes Bündel von Gefahrenpunkten“, darunter:
- Der Krieg im Südsudan
- Dürre in Ostafrika
- Gezieltes Töten von Zugvögeln, etwa im Libanon, wo die Jagd trotz aller Bemühungen nach wie vor ein Nationalsport ist
In Südosteuropa, beispielsweise in der Türkei, sorgen ungesicherte Stromleitungen regelmäßig für viele tote Störche. In Deutschland wird mittlerweile vorgebeugt: „Da sind dann Schutzhauben angebracht, die es verhindern, wenn der Storch obendrauf landet, dass er das überbrückt und einen Stromschlag bekommt.“ Hierzulande ist das gesetzlich vorgeschrieben, anderswo jedoch noch nicht.
Erste Reise prägt die Vorlieben der Vögel
Wohin sich ein Storch orientiert, hängt laut Kroll meist damit zusammen, welcher Gruppe er sich bei der ersten Reise seines Lebens angeschlossen hat. Regional sind die Präferenzen auch innerhalb von Mecklenburg-Vorpommern unterschiedlich. Im westlichen Mecklenburg gibt es – entgegen dem Landestrend – beispielsweise mehr Westzieher.
Zustand der Storchenpopulation in Mecklenburg-Vorpommern
Insgesamt betrachtet steht es um die Population der Weißstörche in Mecklenburg-Vorpommern nicht schlecht, wie die Landesarbeitsgruppe Weißstorchschutz, der auch Kroll angehört, berichtet. Im vergangenen Jahr wurden 755 Horstpaare ermittelt. Damit hat der kontinuierliche Aufwärtstrend zwar ein Ende gefunden, doch die Zahl war „immer noch die zweithöchste der letzten 10 Jahre“. Die Rückkehr der Störche bleibt also ein Hoffnungsschimmer, doch die Gefahren auf ihren Zugwegen sind real und vielfältig.



