Nach 150 Jahren: Traditionsgeschäft Wiedewald Moden in Güstrow schließt für immer
Traditionsgeschäft Wiedewald Moden in Güstrow schließt

Das Ende einer Ära: Wiedewald Moden schließt nach 150 Jahren

In Güstrow geht eine Ära zu Ende: Das traditionsreiche Familienunternehmen Wiedewald Moden schließt nach mehr als 150 Jahren und fünf Generationen für immer seine Türen. Der letzte Verkaufstag ist der 30. April 2026, danach wird das Geschäft am Pferdemarkt 23 nicht mehr öffnen.

Von der Kürschnerwerkstatt zum Modehaus

Die Geschichte des Unternehmens begann in der Kaiserzeit am 1. Mai 1875, als Kürschnermeister Julius Wiedewald seine Werkstatt gründete. Über die Jahrzehnte entwickelte sich das Unternehmen von einer reinen Kürschnerei zu einem angesehenen Modehaus. "Die längste Zeit stand bei Wiedewald die Herstellung und der Verkauf von Pelzwaren aller Art im Zentrum der Tätigkeit", erinnert sich Wilfried Minich, der aktuelle Inhaber und Ehemann von Stefanie Wiedewald.

Das Unternehmen überstand zahlreiche historische Umbrüche: zwei Weltkriege, die sozialistische Planwirtschaft der DDR als privater Handwerksbetrieb und schließlich die Wende zur Marktwirtschaft. "Über alle wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umwälzungen hinweg konnte die Firma Wiedewald immer wieder mit Unternehmergeist und Anpassung an die Kundenwünsche erhalten werden", so Minich.

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Besondere Kunden und historische Wendepunkte

Ein besonders bemerkenswertes Kapitel der Firmengeschichte spielte sich in der DDR-Zeit ab. Nach der Enteignung durch die Volkseigene Handelsorganisation (HO) in den 1950er-Jahren produzierte die Familie weiterhin in einer kleinen Werkstatt im Keller des Hauses. Die Hauptkunden waren damals sowjetische Offiziere aus dem nahen Hospital Am Wall.

"Die ließen sich nicht lumpen und brachten auch diese oder jene Aufmerksamkeit als Dankeschön mit", berichtet Minich. Selbst Generäle sollen zu den zahlungskräftigen Kunden gehört haben, die sich für ihre Frauen Pelzmäntel, Jacken und Mützen für mehrere tausend Mark anfertigen ließen.

Gründe für das Ende und Zukunft des Hauses

Die Gründe für die endgültige Schließung sind vielfältig. "Das Alter spielt, wenn man die 60 Jahre erreicht hat, eine Rolle. Es gibt aber auch keinen, der die Firma weiterführen kann", erklärt Minich. Hinzu kommen wirtschaftliche Faktoren: Der Konsum im örtlichen Einzelhandel habe sich in den vergangenen Jahren sehr zum Nachteil kleiner Geschäfte gewandelt.

Das historische Gebäude am Pferdemarkt 23, das seit den 1920er-Jahren Firmensitz war, ist bereits verkauft. "Die neuen Besitzer haben Ideen, was sie aus dem Haus machen wollen. Möglich ist, dass wieder ein Geschäft einzieht, was wir sehr begrüßen würden", sagt Minich.

Abschied von einer Institution

Wenn Wiedewald Moden am 30. April zum letzten Mal öffnet, endet nicht nur ein Geschäft, sondern ein Stück Güstrower Stadtgeschichte. Die Familie bedankt sich bei allen Kunden für die jahrelange Treue, die über mehrere Generationen hinweg hielt. Bis zum letzten Tag können Kunden noch Sonderangebote nutzen und vorhandene Gutscheine einlösen.

Die alten Nähmaschinen aus der Kürschnerzeit bleiben als Erinnerungsstücke im Familienbesitz, ebenso wie ein originaler Karton mit der Aufschrift "Moderne Herrenhüte Hans Wiedewald Güstrow", in dem die Familie einen 100 Jahre alten Klapphut aufbewahrt. Ein letztes Zeugnis einer bewegenden Familiengeschichte zwischen Pelzhandwerk, historischen Umbrüchen und nun dem endgültigen Abschied.

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