Der Wal von Poel: Ein menschliches Drama zwischen Empathie, Misstrauen und Inszenierung
Wal von Poel: Menschliches Drama zwischen Empathie und Misstrauen

Ein menschliches Schauspiel: Der Wal von Poel und seine Menschen

Die einen wollen den Wal retten. Die anderen wollen das System stürzen. Die dritten wollen vor allem Reichweite. Auf der Insel Poel werden die Zuschauer im Kampf um Deutungshoheit zu Hauptdarstellern und das Tier wird zur Kulisse.

Die Empathischen: Eine Gemeinschaft im Einsatz

In der ersten Reihe am Bauzaun stehen jeden Tag Schaulustige und Walfreunde. Einige von ihnen sind hunderte Kilometer angereist. Einige versuchen, das Drama zu instrumentalisieren. Nicht immer geht es zwischen den Gruppen konfliktfrei zu.

Die Displays der Walfreunde auf der Insel Poel bleiben selten dunkel. In WhatsApp-Gruppen organisieren sie sich, sammeln Informationen, teilen Meinungen und tickern im Minutentakt. In einer Gruppe protokollieren 32 besonders engagierte Walfreunde jede Atmung des gestrandeten Tiers – Tag und Nacht, sekundengenau. Diskutiert wird in der „Hope Atmung DOKU Gruppe!“ nicht, es gibt nur Zeitstempel. „18.49.09“, „18.50.36“ und dann, nach einer kurzen Atempause, „18.53.04“. Die Erkenntnisse teilen sie den mehr als 600 Mitgliedern der „News rund um Hope“-Gruppe regelmäßig mit: „Hier ein aktueller Stand: Seine Atemintervalle liegen derzeit bei etwa 1 bis 1,5 Minuten.“ 48 Mitglieder reagieren mit kleinen Herzchen und „Daumen hoch“-Emojis.

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Auf Nachrichten zu Entscheidungen des Umweltministeriums von Mecklenburg-Vorpommern reagieren sie anders. „Es muss beraten werden, um eine Entscheidung zu finden“, sagt Minister Backhaus am Montagmittag, nachdem der Wal erneut gestrandet ist. 33 Menschen schicken wütende oder erbrechende Emojis.

Viele verfolgen diese Updates aus der Ferne, sehen Livestreams, kommentieren im Internet. Doch einige sind nach Poel gekommen. Menschen aus dem ganzen Land sind hunderte Kilometer gefahren. Nun parken ihre Autos an einer kleinen Pension auf der Ostseeinsel. Sie haben sich Urlaub genommen und Zimmer gebucht, nur um dann täglich vor einem Bauzaun zu stehen und auf einen Punkt im Wasser zu starren. Aus dieser Entfernung könnte man den Buckelwal auch für einen Felsen halten. Doch die Entfernung spielt keine Rolle. Das Dabeisein zählt.

Die Angereisten wollen Zeugen sein im Moment der Entscheidung. Es sind Menschen, die nicht wegsehen konnten. Emotionalisiert wurden sie auch vom Hype, den das Thema gerade mit teils absurden Auswüchsen im Internet erfährt. Eine von ihnen ist Susanne Sommer, 37 Jahre alt. Sie ist aus Krefeld angereist. Zu Hause habe sie es nicht mehr ausgehalten, sagt sie. „Ich konnte nicht mehr vor dem Handy sitzen und hoffen, dass hier irgendwas passiert. Ich musste einfach selbst hierhin kommen.“ Jetzt versuche sie zu helfen, soweit das eben gehe: Leute zusammentrommeln, sich vernetzen.

Sie beschreibt auch die Verzweiflung, als alle den Wal abgeschrieben hatten. Als sie dachte, es gäbe wirklich keine Aussicht mehr. „Ich bin kurz vorher noch zusammengebrochen“, erzählt sie, „hatte dann aber meine Leute, die mich aufgefangen haben“. Aus den vielen Fremden auf der Insel ist eine Gemeinschaft geworden. Teil dieser Gemeinschaft ist auch Astrid Drews, 74 Jahre alt. Als die ersten Taucher beim Wal ankommen, den sie „Hope“ nennen, bebt ihre Stimme vor Erleichterung. „Es ist einfach grandios. Ich könnte schreien. Jubeln. Endlich läuft was.“ Für sie ist klar, wem der erneute Rettungsversuch zu verdanken ist. „Backhaus? Sicherlich nicht“, sagt sie. „Das ist uns allen zu verdanken, der ‚Community Hope‛, die dafür gesorgt haben, dass dieser Druck entsteht.“ Backhaus sei eingeknickt, Gott sei Dank.

Die Misstrauischen: Ein Kampf gegen das System

Doch nicht alle auf der Insel kämpfen für dieselbe Sache. Während die „Community Hope“ für den Wal kämpft, kämpfen andere vor allem gegen das System. Der Wal ist ein willkommener Anlass, diejenigen zu konfrontieren, denen ihr Unmut schon in anderen Krisen galt: Politik, Verwaltung und Medien. Als sie im Hafen die Kamerateams und Journalisten sieht, sagt eine Frau laut: „Jetzt kommen die Ratten aus ihren Löchern.“ Sie tritt an das Absperrband zu den Tischen, an denen viele Berichterstatter arbeiten, und fügt hinzu: „Aber objektiv berichten, nicht wie bei Corona.“

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Während sie am Fischbrötchenstand auf Pommes wartet, behauptet eine andere Dame, das Skelett sei schon lange verkauft. Dass die Rettung sich verzögere, sei Absicht, sagt sie. Dahinter stecke das Umweltministerium. Belege dafür nennt sie nicht. Diese Seite des Protests organisiert sich am Abend in einer Mahnwache. Die Symbolik ist eindeutig: An einem Wohnwagen prangt ein Thorshammer. Das Symbol wird ohne politischen Hintergrund als Schmuck getragen, findet aber auch in völkischen Kreisen Verwendung. Die Gesichter hier sind in der regionalen Protestszene bekannt.

Ob beim „Brückenleuchten auf der A20“ gegen „Steuerwahnsinn“ oder vor dem Kanzleramt wegen hoher Spritpreise – die Akteure sind dieselben. Der Wal ist für sie nun das neueste Thema auf einer langen Liste von Beschwerden.

Die Inszenierer: Digitale Agitation auf TikTok

Jenseits des Ufers und des Hafens hat sich ein drittes, rein digitales Epizentrum des Dramas gebildet: TikTok. Hier entfaltet sich ein Feuerwerk aus Emotionen, Aufregung und politischer Agitation. KI-generierte Bilder zeigen leidende und kämpfende Wale, während Nutzer tausendfach Songs mit Zeilen teilen wie: „Und der Wal liegt da im Sand, zwischen Angst und Menschenhand.“

Eine der lautesten Stimmen in diesem Chor ist Danny Hilse. Der tätowierte Mann inszeniert sich vor 72.000 Followern als Tierschützer. In der Vergangenheit rief er sein Publikum zu den „Gemeinsam für Deutschland“-Demos auf, die großen Anklang in verschwörungstheoretischen und rechtsextremen Kreisen fanden. Zu den Demonstrationen sagte der Verfassungsschutz 2025, es sei ein bekanntes Vorgehen extremistischer Akteure, gesellschaftliche Spannungen und Proteste für sich zu nutzen, um die eigene Ideologie zu verbreiten. Hilse ist jetzt Teil des Rettungsteams.

Ein Wal als Kulisse: Die gesellschaftliche Dynamik

Die Empathischen, die Misstrauischen und die Inszenierer bilden am Strand von Poel ein eigenes Gesellschaftssystem. Sie beeinflussen sich gegenseitig in einem konstanten Kreislauf: Die Wut der einen wird zum viralen Inhalt der anderen. Dessen Reichweite wiederum bestärkt die Sorge der Ersten. So bestätigen sie sich ihre eigene Realität. Bei all dem verblasst der eigentliche Anlass – der gestrandete Wal – fast vollständig. Zu zählen, wie oft er atmet, hilft am Ende nicht dem Tier, sondern nur der eigenen Weltanschauung.

Irgendwann wird der Wal weg sein. Ob gerettet oder gestorben, bleibt noch unklar. Dann werden die Misstrauischen und die Inszenierer das nächste Thema finden. Zurück bleiben die Empathischen – und, bis auch die Algorithmen weiterziehen, die KI-Hymnen, die ihre Hoffnung vertont haben. Vielleicht sehen die Menschen von Poel dann mal wieder ihre Familien.