Wildkatzen-Monitoring in MV: Mit Baldrian und Fotofallen auf der Suche nach dem scheuen Jäger
Wildkatzen-Monitoring in MV: Suche nach dem scheuen Jäger

Wildkatzen-Monitoring in MV: Mit Baldrian und Fotofallen auf der Suche nach dem scheuen Jäger

Im dichten Wald der Kargower Buchen im Müritz-Nationalpark hockt Rangerin Sarah Lemke am Boden und kontrolliert ihre Wildkamera. Ein amüsanter Beifang zeigt sich auf dem Display: „Hier sind Reh und Dachs gleichzeitig drauf“, sagt sie mit einem Lachen. Doch die eigentliche Beute, auf die es die Expertin abgesehen hat, bleibt aus: „Keine Katze leider, nicht zu ändern.“ Die gesuchte Katze ist keine gewöhnliche Hauskatze, sondern die Europäische Wildkatze – ein scheuer, getigerter Jäger, der in Mecklenburg-Vorpommern seit mehr als zwei Jahrhunderten als ausgestorben gilt.

Spuren und Haare deuten auf Rückkehr hin

Doch die Zeichen mehren sich, dass die Wildkatze in den Nordosten Deutschlands zurückkehren könnte. Vor etwa drei Jahren gab es in der Region bereits eine bestätigte Sichtung, bei der Haare von einem Baumstamm genetisch als Wildkatzenhaare identifiziert wurden. Im darauffolgenden Winter entdeckte eine Kollegin von Sarah Lemke dann charakteristische Wildkatzenspuren im Schnee. „Es reicht uns aber nicht“, betont die Rangerin. Für einen gesicherten Nachweis benötigen die Experten Belege über einen längeren Zeitraum, um auszuschließen, dass es sich lediglich um durchziehende Einzeltiere handelt.

Baldrian als unwiderstehlicher Lockstoff

Um den scheuen Jäger nachzuweisen, setzen die Fachleute im Müritz-Nationalpark auf ein ausgeklügeltes Monitoring-System. Im Blickfeld der Fotofallen ragen speziell präparierte Lockstöcke etwa 1,20 Meter aus dem Waldboden. Diese Hölzer werden regelmäßig mit Baldrianextrakt beträufelt, wie er auch in Apotheken zur Beruhigung erhältlich ist. Der Baldrian kommt dem Pheromon nahe, mit dem Wildkatzenweibchen während der Paarungszeit von Januar bis April Kater anlocken. „Die finden das supertoll und denken, 'Oh, da ist jetzt ein Mädchen und da muss ich hin'“, erklärt Sarah Lemke den cleveren Trick.

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Die Oberflächen der Lockstöcke sind zudem angeraut, damit sich Haare der Tiere leichter verfangen können. Insgesamt gibt es im Müritz-Teil des Nationalparks zehn solcher präparierter Hölzer und weitere zehn im Teilgebiet Serrahn weiter im Osten. Nach Angaben des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) werden auch in anderen Regionen Mecklenburg-Vorpommerns während der Paarungszeit Lockstöcke kontrolliert, etwa im Naturpark Feldberger Seenlandschaft oder im westlichen Zipfel des Landes bei Schildfeld und Greven.

Idealer Lebensraum im Mischwald

Wildkatzen sind anspruchsvolle Bewohner unserer Wälder. Sie benötigen Bäume zum Klettern und lieben es, von erhöhten Positionen aus ihr Revier zu überblicken. Höhlen für den Nachwuchs und offenes Gelände wie Wiesen zur Mäusejagd gehören ebenso zu ihren Ansprüchen. „Wenn ich eine Wildkatze wäre, dann würde ich mich hier sehr wohlfühlen“, sagt Sarah Lemke über den Mischwald der Kargower Buchen. Der Waldbestand aus jungen und älteren Bäumen, liegendem Totholz und angrenzenden Wiesen bietet ideale Voraussetzungen.

Nachweise in Nachbarbundesländern

In den umliegenden Bundesländern sind Wildkatzen bereits nachweislich zurückgekehrt. In Brandenburg gibt es mehrere Nachweise – Anfang des Jahres gelang sogar der erste Nachweis im Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe-Brandenburg, direkt an der Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern. Ebenfalls Anfang dieses Jahres erbrachte ein genetischer Nachweis die Rückkehr der Wildkatze nach Schleswig-Holstein, wo sie seit dem Mittelalter als ausgestorben galt. Ein Jäger hatte das Tier im Herzogtum Lauenburg entdeckt – es hing in einem Wildzaun fest. Die befreite Katze hinterließ Haare am Zaun, die den wissenschaftlichen Beweis lieferten.

Laut BUND gibt es auch in Niedersachsen und weiteren Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen bereits gesicherte Nachweise. Hanna Walker vom BUND erklärt: „Im Gegensatz zum Wolf ist sie eher so, dass sie aus dem Westen zurückkommt in den Osten und Norden.“ Die Wildkatze steht bereits seit den 1930er Jahren unter Schutz. Früher wurden die Tiere stark bejagt, unter anderem wegen der unzutreffenden Annahme, sie würden mit Jägern um Rehe konkurrieren.

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Unterschiede zur Hauskatze und ökologische Bedeutung

Die Europäische Wildkatze gehört zwar zur selben Gattung wie Hauskatzen, stellt aber eine eigene Art dar und ist nur entfernt mit unseren Stubentigern verwandt. Während Hauskatzen von der Afrikanischen Wildkatze abstammen und von den Römern in der Antike nach Europa gebracht wurden, gehört die Europäische Wildkatze zu den Wildtierarten, die seit etwa 10.000 Jahren auf unserem Kontinent vorkommen.

Äußerlich unterscheidet sich die Wildkatze durch ihren plumperen Körperbau, ihr immer getigertes – wenn auch verwaschenes – Fell, einen bestimmten Strich auf dem Rücken, Ringe um den Schwanz mit schwarzer Spitze und einen weißen Kehlfleck. Ihr Fell ist beige-grau gefärbt.

Für Hanna Walker steht die Rückkehr der Wildkatze symbolisch für einen intakten Lebensraum: „Wenn eine Wildkatze wieder vorkommt in einem Gebiet, ist es eigentlich wie so eine kleine Auszeichnung.“ Solche Lebensräume seien meist widerstandsfähiger gegen die Auswirkungen des Klimawandels wie Trockenperioden. Zudem erweist sich die Wildkatze als praktischer Helfer für Förster, da sie Mäuse frisst und so verhindert, dass diese an den Wurzeln junger Bäume nagen.

Das Monitoring im Müritz-Nationalpark geht weiter. Rangerin Sarah Lemke und ihre Kollegen werden die Lockstöcke regelmäßig kontrollieren, in der Hoffnung, dass bald nicht nur Reh und Dachs, sondern auch der scheue getigerte Jäger vor die Linse der Wildkameras tritt – und damit den endgültigen Beweis für die Rückkehr der Europäischen Wildkatze nach Mecklenburg-Vorpommern liefert.