Zeitumstellung: Wenn jedes Zimmer im Haus eine eigene Zeitzone beansprucht
Sonntagmorgen, 7 Uhr. Oder vielleicht doch 8 Uhr? Diese Frage stellt sich jedes Jahr aufs Neue, wenn die Umstellung auf die Mitteleuropäische Sommerzeit ansteht. Unser Reporter Matthias Lanin hat seine ganz persönlichen Erfahrungen mit diesem alljährlichen Ritual gemacht, das weniger mit gewonnener Zeit als vielmehr mit verlorenem Verstand zu tun hat.
Die Uhrenrevolte im eigenen Haushalt
Das Handy verkündet selbstbewusst 8 Uhr, während der Backofen beharrlich bei 7 Uhr verharrt. Die Mikrowellenuhr zeigt ein mysteriöses Viertel nach irgendwas an – ein Zeugnis der nächtlichen Kapitulation vor der technischen Herausforderung. Und das Auto? Das Fahrzeug zeigt seit Oktober die falsche Zeit und ist aus purem Zufall heute plötzlich wieder korrekt eingestellt. Manchmal wird Faulheit auf unerwartete Weise belohnt, stellt Lanin fest.
Verzögerte Erkenntnis und häuslicher Jetlag
Das eigentlich Tückische an der Zeitumstellung ist nicht der Verlust einer Stunde, sondern die verzögerte Wahrnehmung dieser Veränderung. Erst nach drei Tagen dämmert die Erkenntnis, dass sich jeder Raum der Wohnung plötzlich in einer eigenen Zeitzone befindet – komplett mit den entsprechenden Jetlag-Symptomen.
Der Sonntag läuft noch auf Adrenalin und Koffein. Am Montag schiebt man die Müdigkeit auf allgemeine Erschöpfung. Doch erst am Dienstag, beim zweiten schlaflosen Erwachen um 5 Uhr morgens, wird klar: Das bin nicht ich, das ist die Sommerzeit, die sich im Schlafrhythmus eingenistet hat wie ein ungebetener Gast, den man weder eingeladen noch willkommen geheißen hat.
Gut gemeinte Vorbereitung und ihr Scheitern
In diesem Jahr wollte alles besser laufen. Vorsorglich wurde ein Zettel mit der Aufschrift „Uhren umstellen!“ angefertigt – ein Akt der Umsicht und Organisation. Dieser Zettel landete unter der Mikrowelle, deren Uhr dann prompt nicht umgestellt wurde. So lag die Lösung direkt unter dem Problem, das sie beseitigen sollte. Eine treffende Metapher für das gesamte Zeitmanagement, wie Lanin trocken anmerkt.
Kollektives Misstrauen gegenüber der Zeit
Ein Interviewpartner erschien am Sonntagmorgen eine volle Stunde zu spät mit der Begründung, er habe „der Sache nicht getraut“. Eine durchaus nachvollziehbare Haltung, wenn man bedenkt, dass wir zweimal jährlich kollektiv die Uhren verstellen, um anschließend so zu tun, als sei nichts geschehen. Dieses Ritual nährt ein gesundes Misstrauen gegenüber Zeitangaben aller Art und verwandelt das eigene Zuhause in einen Mikrokosmos zeitlicher Verwirrung.
Die Zeitumstellung offenbart somit nicht nur technische Unzulänglichkeiten bei Haushaltsgeräten, sondern auch die Fragilität unserer eigenen Zeitwahrnehmung in einer Welt, die ständig zwischen Normalzeit und Sommerzeit hin- und herpendelt.



