Historische Gerichtsakten kehren nach 78 Jahren zurück nach Pasewalk
240 Jahre alte Gerichtsakten kehren nach Pasewalk zurück

Historische Gerichtsakten kehren nach 78 Jahren zurück nach Pasewalk

Das Museum im Prenzlauer Tor in Pasewalk hat einen bedeutenden historischen Schatz erhalten. Christian Behning aus Jameln in Niedersachsen übergab zwei Mappen mit Gerichtsakten aus den Jahren 1783 bis 1786, die nach einer abenteuerlichen Geschichte nun in ihre Ursprungsstadt zurückgekehrt sind. Die Dokumente waren fast acht Jahrzehnte lang im Besitz seiner Familie.

Eine Rettungsaktion in der Nachkriegszeit

Die Geschichte der Akten beginnt im Jahr 1948 in Pasewalk. Kurt Behning, der Vater des heutigen Überbringers, betrieb damals zusammen mit seiner Frau Gerda die gut gehende Kräuterteefabrik Behnings Arzneipflanzenverwertung Pasewalk (BAP). Nachdem ein Blindgänger Ende April 1945 ein Loch in das Firmengebäude geschlagen hatte, suchte Kurt Behning beim Rathaus um Dachpappe zur Reparatur nach.

„Man hatte damals Gründe gesucht, um Firmenbesitzer zu enteignen“, erklärt Christian Behning die damalige politische Situation. Sein Vater erhielt nur ein halb so großes Stück Dachpappe wie benötigt, das später im Büro liegen blieb. Als ein erkälteter Bauer im Tausch gegen Weißkohlköpfe die Dachpappe für seine Kaninchenställe haben wollte, kam es zum folgenschweren Tauschgeschäft.

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Verhaftung und Zwangsarbeit

Eine Kollegin, die bei der Kohlverteilung leer ausgegangen war, meldete den Vorfall. Kurt Behning wurde umgehend verhaftet und wegen „Wirtschaftsverbrechen an der Volksgemeinschaft“ angeklagt. Ohne Prozess kam er in eine Zelle im Rathaus am Marktplatz und musste unter Aufsicht Trümmer aufräumen.

Während seiner Haftzeit erhielt er den Auftrag, das „imperialistische Stadtarchiv“ zu entsorgen und zu verbrennen. Unter den zu vernichtenden Dokumenten befanden sich wertvolle historische Schriftstücke, darunter die Gerichtsakten aus dem 18. Jahrhundert. „Was er retten konnte, versteckte er in seinem Kopfkissen in der Zelle“, berichtet sein Sohn.

Die Flucht aus der DDR

Nach fast einem Jahr Haft und Zwangsarbeit wurde Kurt Behning im Herbst 1949 entlassen. Die Entscheidung stand fest: „Er hatte genug vom Arbeiter- und Bauernstaat, von den Genossen und Genossinnen. Für ihn gab es in dieser Umgebung keine Zukunft mehr.“

Mit einem Kinderwagen, gefüllt mit den wichtigsten Habseligkeiten, machten sich seine Eltern auf die Reise – irgendwo im Gefährt versteckt die geretteten Akten aus dem Pasewalker Rathaus. Über Rostock, Schwerin, Boizenburg und Lauenburg gelangten sie nach Hamburg und kehrten der gerade gegründeten Deutschen Demokratischen Republik den Rücken.

Die Rückkehr der Dokumente

Jetzt, 72 Jahre später, hat Christian Behning die historischen Gerichtsakten zurück nach Pasewalk gebracht. Zusätzlich übergab er Museumsleiterin Maria Mischke Unterlagen aus der ersten und bislang einzigen Pasewalker Teefabrik aus den Jahren 1942 bis 1946.

„In meiner Familie weiß heute niemand mehr etwas damit anzufangen. Ich befürchtete, die würden sonst irgendwann im Müll landen“, begründete Behning seine Entscheidung. Ihm falle es nicht schwer, sich von den Erinnerungsstücken zu trennen, da er wisse, dass sie bestens aufgehoben seien.

Wissenschaftliche Aufarbeitung geplant

Maria Mischke nahm die Schenkungen mit Restauratorenhandschuhen entgegen und erkannte auf einem Wachssiegel sofort das alte Pasewalker Stadtwappen mit drei Greifenköpfen und drei Greifenbeinen. „Die Aktenlage ist sehr übersichtlich. Pasewalk war ein geschundenes Kind. Entweder herrschte die Pest, oder die Stadt wurde überrannt, Unterlagen sind verbrannt oder verloren gegangen“, erklärte die Historikerin.

Sie kündigte an, die jahrhundertealte Schreibschrift zu transkribieren, auch wenn sie noch nicht wisse, wann sie dazu komme. Die Dokumente sollen aber voraussichtlich schon ab der Wiedereröffnung des Museums am 17. Mai in einer Dauerausstellung gezeigt werden.

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Ein literarisches Vermächtnis

Über die Geschichte seiner Eltern und die der Pasewalker Teefabrik hat Christian Behning seinen im Jahr 2024 veröffentlichten Roman „Davon geht die Welt nicht unter“ geschrieben. Rund 2000 Exemplare wurden nach seinen Angaben bisher verkauft. Zurzeit spielt er mit dem Gedanken, das Buch auf Polnisch übersetzen zu lassen und arbeitet an einem zweiten Teil, der überwiegend auf Rügen spielt.

Die Rückkehr der 240 Jahre alten Gerichtsakten markiert einen bedeutenden Moment für die Pasewalker Stadtgeschichtsforschung. Nach Jahrzehnten der Bewahrung in privater Hand können die Dokumente nun wissenschaftlich erforscht und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.