Vergessene Heldentat: Rostocker Frachter rettete Hunderte im Jemen-Bürgerkrieg
Die aktuellen Konflikte im Jemen haben eine lange Vorgeschichte. Bereits 1986 versank der damalige Südjemen im Chaos eines brutalen Bürgerkriegs. Mitten in diesen Wirren spielte sich eine dramatische Rettungsaktion ab, an der ein DDR-Frachter aus Rostock beteiligt war – eine Geschichte, die heute fast vergessen ist, aber ein bemerkenswertes Kapitel deutscher Seefahrtsgeschichte darstellt.
Bürgerkrieg in Aden: Ausländer in tödlicher Gefahr
Auslöser der Krise war ein blutiger Machtkampf innerhalb der regierenden sozialistischen Partei Südjemens. Am 13. Januar 1986 ließ Staatschef Ali Nasser Mohammed politische Rivalen angreifen, was jedoch fehlschlug und stattdessen einen erbitterten Bürgerkrieg in der Hafenstadt Aden auslöste. Innerhalb weniger Tage verwandelte sich die Stadt in ein Kriegsgebiet mit beschossenen Botschaften, leichenübersäten Straßen und tausenden eingeschlossenen Ausländern. Unter den Eingeschlossenen befanden sich Diplomaten, Entwicklungshelfer, Bauarbeiter, Professoren und Familien aus Ost- und Westdeutschland gleichermaßen.
Die "MS Müggelsee" erreicht die Hölle von Aden
Kapitän Andreas Neuendorf steuerte die 120 Meter lange "MS Müggelsee", einen Frachter der DDR-Handelsmarine, am 17. Januar 1986 auf Aden zu. Was er vorfand, sollte ihn noch Jahrzehnte später verfolgen: Die Stadt lag unter dichtem Rauch, Öltanks brannten lichterloh, und am Strand drängten sich Hunderte verzweifelter Menschen, die weder vor noch zurück konnten. Im Meer drohte ihnen das Ertrinken, an Land der Beschuss durch die kämpfenden Parteien.
Neuendorf stand vor einer schwierigen Entscheidung: Er hatte keine ausdrückliche Genehmigung seiner Reederei, sich dem Ufer zu nähern, und konnte zunächst auch keinen Kontakt zur DDR-Botschaft herstellen. In der streng hierarchischen DDR war eigenmächtiges Handeln riskant und konnte schwerwiegende Konsequenzen haben. Dennoch entschied sich der Kapitän zum Eingreifen, als er sah, dass ein sowjetisches Schiff zur Rettung ansetzte.
Lebensgefährliche Rettungsaktion unter Beschuss
Die Besatzung der "MS Müggelsee" ließ ihre Rettungsboote zu Wasser und begann, zwischen Strand und Frachter zu pendeln. Die Situation war extrem gefährlich – einmal beschossen Kämpfer aus den Bergen die Boote mit Leuchtspurmunition. Nur das schützende Feuer einer sowjetischen Korvette, die sich zwischen Strand und Schiffe legte, beendete den Angriff. Bemerkenswert war die Zusammenarbeit verschiedener Nationen: Neben dem DDR-Frachter und sowjetischen Schiffen beteiligte sich sogar die britische königliche Yacht "HMY Britannia" an der Evakuierung – im Kalten Krieg eine fast surreale Kooperation.
Als aufständische Panzer den Strand abriegelten und den Waffenstillstand brachen, musste die erste Rettungsphase abgebrochen werden. Doch die "MS Müggelsee" hatte bereits 126 Menschen an Bord genommen – auf einem Schiff, das eigentlich nur für etwa 35 Besatzungsmitglieder ausgelegt war. Die Geretteten wurden notdürftig in Kajüten, im Speisesaal und im Sportraum untergebracht.
Zweite Rettungsaktion: Auch Westdeutsche werden gerettet
Neuendorf brachte die ersten Geretteten durch die Meerenge Bab al-Mandab – das "Tor der Tränen" – nach Dschibuti. Doch die Mission war noch nicht beendet. Noch immer saßen weitere Ausländer im Landesinneren fest, darunter auch Bundesbürger aus Westdeutschland. Für die zweite Rettungsaktion erhielt Neuendorf nun offizielle Weisungen, die bemerkenswert waren: Auf Bitte des Auswärtigen Amtes in Bonn sollte die DDR nicht nur eigene Staatsbürger und Menschen aus sozialistischen Staaten retten, sondern ausdrücklich auch Westdeutsche.
Diese zweite Evakuierung gestaltete sich noch schwieriger. Vor Little Aden und später Al Kud behinderten hoher Seegang, eine Sandbank und die herannahende Flut die Rettungsarbeiten. Das Rettungsboot konnte den Strand nicht direkt erreichen, also spannte die Besatzung ein Seil zwischen den Helfern und einem Lastwagen an Land. Daran hangelten sich die Flüchtlinge durch das Wasser zum Boot – Frauen und Kinder zuerst, dann die anderen.
Erfahrung und Improvisation retten Leben
Die Besatzung der "MS Müggelsee" war auf solche schwierigen Manöver vorbereitet. Das Einholen der Boote, das Arbeiten auf offener Reede und das Improvisieren in problematischen Häfen gehörten für DDR-Seeleute mit Afrika-Erfahrung zum Alltag. Doch dieser Einsatz stellte selbst für erfahrene Männer eine außergewöhnliche Herausforderung dar.
Am Ende brachte die "MS Müggelsee" insgesamt etwa 300 Menschen in Sicherheit. Unter ihnen befanden sich 74 DDR-Bürger und 70 Menschen aus neun weiteren Staaten, darunter Westdeutsche. Das Schiff wurde damit zu einem seltenen Symbol dafür, dass Menschlichkeit im Ernstfall stärker sein kann als ideologische Grenzen des Kalten Krieges.
Heldentat mit bitteren Konsequenzen
Doch die Geschichte endete nicht mit Orden und Dankesreden. Zwar wurde die Besatzung nach der Rückkehr in Rostock zunächst gefeiert und ausgezeichnet. Kapitän Neuendorf erhielt Ehrungen, die Mannschaft Medaillen, und die DDR-Presse berichtete von vorbildlichem Einsatz und internationaler Solidarität.
Hinter den Kulissen jedoch wuchs der Druck auf Neuendorf. Der Staatssicherheit war der Kapitän schon vorher aufgefallen, weil er sich geweigert hatte, als Informeller Mitarbeiter zu arbeiten. Nach dem Einsatz in Aden verschärfte sich die Situation dramatisch. Die Botschaft war unmissverständlich: Wer als Kapitän reisen und Verantwortung tragen wollte, musste auch politisch gefügig sein.
Neuendorf blieb bei seiner Weigerung. Die Konsequenzen waren hart: Er durfte nicht mehr zur See fahren, musste an Land arbeiten, und seinen Kindern wurde das Studium verwehrt. Ausgerechnet der Mann, der Hunderte Menschen aus einem Kriegsgebiet gerettet hatte, wurde in der DDR systematisch ausgebremst und aus der offiziellen Erinnerung gedrängt.
Ein vergessenes Kapitel der Geschichte
So verschwand auch die Evakuierung von Aden weitgehend aus dem kollektiven Gedächtnis. Dabei war sie historisch bedeutsam: Es handelte sich um eine der größten Seeevakuierungen nach 1945, eine seltene blockübergreifende Rettungsaktion und die einzige bekannte Evakuierung dieser Art unter Beteiligung eines deutschen Schiffes.
Die Widersprüche dieser Geschichte sind besonders eindrucksvoll: Die britische Königsjacht rettete Ostdeutsche, ein DDR-Frachter nahm Westdeutsche an Bord, und sowjetische Schiffe arbeiteten mit westlichen Einheiten zusammen. Für wenige Tage funktionierte in einem Kriegsgebiet das, woran die Politik des Kalten Krieges oft scheiterte: die Kooperation über ideologische Fronten hinweg zum Wohle menschlichen Lebens.



