DDR-Tatra in Rostock: Wenn moderne Bahnen streiken, fährt die alte Technik noch
In Rostock beweist eine umgebaute Tatra-Straßenbahn aus DDR-Zeiten, dass alte Technik oft robuster ist als moderne Systeme. Während neuere Bahnen bei extremen Wetterbedingungen an ihre Grenzen kommen, hält die Tatra die Schienen der Hansestadt auch im tiefsten Winter in Bewegung.
Schienen-Ikone aus DDR-Zeiten
Die Tatra-Wagen vom Typ T6A2 stammen ursprünglich aus der Tschechoslowakei und wurden vom Hersteller ČKD produziert. Im Dezember 1989, kurz nach dem Mauerfall aber noch vor der deutschen Wiedervereinigung, trafen die ersten neuen Tatra-Wagen in Rostock ein. Heute, mehr als drei Jahrzehnte später, sind von einst zahlreichen Fahrzeugen nur noch drei im Dienst: zwei Arbeitswagen und ein Traditionswagen.
Tim Pathenheimer, Betriebshandwerker und Gleisbauer bei der Rostocker Straßenbahn AG (RSAG), erklärt: „Die alten Tatras haben lange das Stadtbild in Rostock geprägt.“ Die heutigen Arbeits-Tatras waren früher als Linienfahrzeuge mit den Nummern 808 und 707 unterwegs, heute tragen sie die Bezeichnungen 551 und 552.
Winterdienst mit historischer Technik
Die umgebauten Tatra-Wagen erfüllen eine entscheidende Aufgabe für den Winterbetrieb der Rostocker Straßenbahn. „Meine Aufgabe ist es damit, in den Wintermonaten, wenn es frostig ist, die Oberleitungen eisfrei zu halten“, sagt Pathenheimer. Dafür wurde der Wagen speziell umgerüstet.
Ein spezielles System sprüht umweltfreundliches Glycerin auf die Oberleitungen. Dieses hygroskopische Mittel zieht Wasser an und sorgt dafür, dass die Oberflächen lange eisfrei bleiben. Die Sprühvorrichtung passt sich automatisch der Geschwindigkeit an – bei optimalen 20 km/h bleibt das Glycerin am besten haften.
Robustheit im Praxistest
Die Zuverlässigkeit der alten Technik zeigt sich besonders bei extremen Wetterbedingungen. Pathenheimer berichtet von einem Vorfall im vergangenen Jahr: „Da haben wir gemerkt, dass sowohl die älteren als auch die neueren Fahrzeuge, die bei uns im Liniendienst sind, an ihre Grenzen kamen und ich immer noch fahren konnte.“
Ein weiterer Vorteil: Die Tatra verfügt über eine Heizung am Stromabnehmer, die auch bei modernen Linienfahrzeugen Standard ist. Doch während neuere Bahnen bei Spannungsschwankungen oder Eisbildung schnell Probleme entwickeln, zeigt sich die DDR-Technik deutlich unempfindlicher.
Nachteinsätze für den reibungslosen Tagesbetrieb
In den Nachtstunden, wenn regulärer Straßenbahnverkehr ruht, sind die Tatra-Wagen allein auf Rostocks Schienennetz unterwegs. Sie befahren das gesamte Netz mit 35,62 Kilometern Doppelgleis und sorgen dafür, dass die Frühschicht am nächsten Morgen problemlos ausfahren kann.
Die Einsatzbedingungen sind anspruchsvoll:
- Einsatz bereits bei vier bis fünf Grad Celsius
- Besondere Beachtung von Luftfeuchtigkeit und Wind an der Küste
- Vorbeugende Maßnahmen gegen Raureif auf Oberleitungen
Pathenheimer erklärt: „Es kann sein, dass es zwar noch keinen Bodenfrost gibt, aber dass die Oberleitung trotzdem schon Raureif draufhat.“ Dieser könnte gefrieren und den Betrieb beeinträchtigen.
Wirtschaftliche und praktische Vorteile
Die RSAG setzt aus mehreren Gründen auf die historischen Fahrzeuge. Einerseits sind die Tatras bereits im Bestand und müssen nicht neu angeschafft werden. Andererseits überzeugt ihre Robustheit: „Die Technik ist noch ein bisschen robuster“, so der RSAG-Mitarbeiter.
Selbst bei extremen Eisverhältnissen zeigt sich die Zuverlässigkeit der alten Technik. Pathenheimer erinnert sich: „Vor zwei Jahren hatte ich einmal das Pech, dass ich kurze Zeit keinen Kontakt zur Oberleitung hatte, weil der Eispanzer doch recht doll war.“ Ein Neustart des Fahrzeugs genügte, und die Tatra konnte ihre Arbeit fortsetzen.
Während moderne Bahnsysteme bei Streiks oder technischen Problemen ausfallen, beweist die DDR-Tatra in Rostock, dass bewährte Technik auch nach Jahrzehnten noch ihren Dienst tut – besonders wenn es draußen kalt wird.



