Die tödliche Chronik: Flugzeugabstürze in Vorpommern während der DDR-Zeit
Es galt als einer der gefährlichsten Berufe in der DDR: Der Dienst als Kampfpilot forderte zahlreiche Opfer, insbesondere in der idyllischen Region Vorpommern. Hier häuften sich während der DDR-Ära Fluglärm und tragische Abstürze von Militärjets, die oft tödlich endeten. Viele dieser Vorfälle wurden damals unter strengster Geheimhaltung gehalten und konnten erst nach der Wende näher beleuchtet werden.
Militärstützpunkte als Zentren des Geschehens
Im Mittelpunkt der Flugaktivitäten standen der Raum Neubrandenburg sowie die Insel Usedom mit ihrem angrenzenden Festland. Auf dem Flugplatz Trollenhagen bei Neubrandenburg war seit 1960/61 das Jagdfliegergeschwader 2 der Nationalen Volksarmee stationiert, während in Peenemünde an der Ostsee das JG 9 seinen Sitz hatte. Zusätzlich dienten die Flugplätze Garz und Tutow häufig als Ausweichstandorte, insbesondere bei Bauarbeiten an anderen Stützpunkten.
Die Geheimhaltungspolitik der DDR führte dazu, dass die Bevölkerung nur wenig über Havarien oder Katastrophen erfuhr, selbst wenn diese außerhalb des Militärgeländes stattfanden. Erst nach der Wiedervereinigung konnten ehemalige Angehörige der Fliegertruppen, örtliche Chronisten und Internetforen viele Details zusammentragen, wobei bis heute einige Unklarheiten bestehen bleiben.
Umfangreiche Verlustlisten und dokumentierte Vorfälle
In der umfassenden Studie „11-80, katapultieren Sie!“ von Thomas Bußmann, Horst Kleest und Lutz Freundt werden für die 1956 gegründete NVA insgesamt 120 tödliche Vorkommnisse mit Luftfahrzeugen aufgelistet. Zu diesen Katastrophen kamen noch deutlich mehr Brüche und Havarien hinzu. Alleine vom JG 2 sollen 14 Piloten und ein Techniker in Ausübung ihres Dienstes ums Leben gekommen sein, während das JG 9 insgesamt 19 Piloten verlor.
Bereits im Juni 1960 ist ein erster Crash aus Tutow dokumentiert, bei dem eine Propellermaschine Jak-11 nach der Landung mit einem Kraftfahrzeug kollidierte. Nur fünf Tage später ging eine MiG-17F aufgrund einer zu hohen Aufsetzgeschwindigkeit kaputt. Der erste Verlust eines NVA-Piloten in der Region ereignete sich am 16. März 1961, als ein Unterleutnant mit seiner MiG-17F bei einer Notlandung in Trollenhagen verunglückte.
Besonders tragische Einzelfälle und deren Folgen
Ein besonders dramatischer Vorfall geschah am 13. August 1965 in Sassen, als der Geschwaderkommandeur Günter Schmidt seine MiG-21 kurz nach dem Start aufgeben musste. Obwohl er sich erfolgreich katapultierte, erlitt er tödliche Verletzungen. Die explodierende Maschine setzte am Dorfrand einen LPG-Hühnerstall und die größte Scheune in Brand, doch durch ein Wunder kamen keine weiteren Personen zu Schaden.
Im Oktober 1971 endete eine Flugvorführung auf dem Flugplatz Garz tragisch, als es bei einem Manöver zum Strömungsabriss kam und der Hauptmann am Steuerknüppel in den Tod stürzte. Ein weiterer folgenschwerer Unfall ereignete sich am 12. September 1989 bei Anklam, wo eine Aero L-39 „Albatros“ in Not geriet. Sowohl der Fluglehrer als auch sein Schüler erlitten beim Betätigen des Schleudersitzes tödliche Verletzungen, nachdem mehrere Verantwortliche die Situation falsch eingeschätzt hatten.
Die letzte Flugkatastrophe der DDR und ihr Nachspiel
Die buchstäblich letzte Flugkatastrophe der DDR fand am 13. September 1990 in Vorpommern statt, nur wenige Tage vor der Wiedervereinigung. Ausgerechnet vor Mitgliedern des Bundestages, die zu Gesprächen über Verteidigungsthemen auf dem Stützpunkt Peenemünde weilten, verunglückte eine MiG-23. Der Pilot verlor in den Wolken vermutlich die räumliche Orientierung und stürzte in steilem Winkel in den Greifswalder Bodden, wobei er eine Frau und drei Kinder hinterließ.
Es war jedoch nicht der letzte Düsenjet sowjetischer Produktion in deutschen Diensten, der abstürzte. Am 25. Juni 1996, bereits mit dem Balkenkreuz der Luftwaffe versehen, verunglückte eine MiG-29 der Bundeswehr in der Nähe von Dargun. Der Pilot konnte sich mit dem Schleudersitz retten, während die Maschine in einer Trebelwiese einschlug und teilweise ausbrannte. Dieser Vorfall markiert das Ende einer langen und tragischen Chronik von Flugzeugabstürzen in der Region, die bis heute nachwirkt.



