Vom „Porno-Brunnen“ zur Marihuana-Bar: Historiker enthüllt geheime Stasi-Spuren in Rostock
Das beste Heilmittel gegen Ostalgie bietet das Stasi-Unterlagen-Archiv Rostock mit seinen monatlichen Stadtführungen unter dem Titel „Rostock geheim!“. Der promovierte Historiker und Archivleiter Volker Höffer führt Interessierte zu konspirativen Objekten der ehemaligen Staatssicherheit in der Innenstadt. Das Angebot stößt auf großes Interesse bei Einheimischen und Zugezogenen gleichermaßen.
Politische Aufklärung auf historischem Boden
Der Treffpunkt vor dem Rostocker Hof in der Kröpeliner Straße ist bewusst gewählt. In diesem Gebäude, wo sich heute ein Einkaufszentrum befindet, hatte die Stasi in den 1950er-Jahren ihren ersten Rostocker Sitz mit direktem Übergang zur Untersuchungshaftanstalt. Seit Sommer 2024 gehen Höffer und ein Kollege mit ihrem umfangreichen Wissen über die DDR-Diktatur auf die Straße, um wichtige Stasi-Aktivitäten und -Stützpunkte der Hansestadt zu zeigen.
Die kostenlosen Führungen finden von März bis Oktober monatlich statt, mit Ausnahme des Septembers. Die Teilnehmerzahl steigt kontinuierlich, wobei viele Rostockerinnen und Rostocker das Netz der Bespitzelung in ihrer eigenen Stadt besser verstehen wollen. Einige kommen als Zeitzeugen, andere als später Zugezogene, die sich über die dunklen Kapitel der Stadtgeschichte informieren möchten.
Die Stasi als allgegenwärtige Überwachungsmaschine
„Die Stasi war nie eine eigenständige Kraft in der DDR, sondern ausführendes Organ der SED. Und nur die konnte die Stasi stoppen“, erläutert Höffer während der Führung. Die Gruppe besucht das konspirative Objekt „Sport“ in der Kröpeliner Straße 9, das einem höchst geheimen Stasi-Team zur Innenstadt-Observation diente.
Die Staatssicherheit wurde so gefürchtet, weil sie Geheimdienst, Geheimpolizei und strafrechtliches Verfolgungsorgan in einem war. Verfügte die Krake der Bespitzelung im Gründungsjahr 1950 über gerade mal 3.500 Mitglieder, so waren es zum Ende des kommunistischen Regimes im Jahr 1989 rund 90.000 hauptamtliche Mitarbeiter und 180.000 Inoffizielle Mitarbeiter (IM). Eine „diktatorische Bespitzelungs-Dichte“, die aus Sicht von Höffer bis heute ihresgleichen sucht.
Systematische Zerstörung menschlicher Existenzen
Am Brunnen der Lebensfreude, im Volksmund auch „Porno-Brunnen“ genannt, schildert Höffer den immensen Einfluss der Stasi auf das akademische Leben Rostocks. Wer nicht auf Parteilinie war, konnte keine wissenschaftliche Karriere machen. Den Universitätsbibliotheksdirektor Alfred Eberlein trieb die Stasi erst in die Haft und dann zur Ausreise – sein Vergehen: „Sozialdemokratismus“.
Es war ein System, das auch vor dem Schlaf- und Hotelzimmer nicht haltmachte. „Im Interhotel Warnow bespitzelten nicht nur Kellner im Auftrag der Stasi internationale Gäste, auch Frauen des horizontalen Gewerbes kamen zum Einsatz“, so Höffer. Diese „HWG-Frauen“ (Personen mit häufig wechselndem Geschlechtsverkehr) dienten zur Schaffung von Erpressungsmaterial.
Die halbseidene DDR-Welt der Storchenbar
Besonders skurril wird es bei der legendären Storchenbar in der Langen Straße. Hier kamen die HWG-Frauen ebenfalls zum Einsatz, wo ausländische Seeleute der halbseidenen DDR-Nachtwelt mit Marihuana zusätzlichen Stoff gaben. Doch so bizarr viele Anekdoten auch wirken mögen – Volker Höffer zeigt bei der etwa zweistündigen Führung, wie systematisch die Stasi menschliche Existenzen zerstörte.
Die Führungen kommen ganz ohne sentimentale Ostalgie aus und überzeugen durch fundiertes Fachwissen. Termine für 2026 sind:
- 6. Mai um 15 Uhr
- 10. Juni um 15 Uhr
- 8. Juli um 15 Uhr
- 12. August um 15 Uhr
- 14. Oktober um 15 Uhr
Eine vorherige Anmeldung per E-Mail ist erforderlich, um an den aufschlussreichen Einblicken in die geheime Stasi-Vergangenheit Rostocks teilnehmen zu können.



